Autor*innenpapier: Hoffnungsträger Wasserstoff: Was jetzt wichtig ist

Über das gemeinsame Autor*innenpapier von Ingrid Nestle, MdB und mir berichtete zuerst die FAZ. Hier können Sie es in voller Länge durchlesen:

Hoffnungsträger Wasserstoff: Was jetzt wichtig ist

Von Dieter Janecek und Ingrid Nestle

Wasserstoff gilt als der große Hoffnungsträger für eine klimaneutrale Zukunft. Ob CO2-freier Stahl oder klimaneutrale Chemieindustrie – ohne Wasserstoff ist eine Dekarbonisierung der Industrie nach jetzigem Stand der Technik nicht denkbar. Vor wenigen Wochen hat die Bundesregierung einen eigenen Handlungsplan für Erzeugung, Transport, Nutzung und Weiterverwendung von Wasserstoff veröffentlicht. Das war überfällig. Doch jetzt muss die Umsetzung möglichst schnell möglichst konkret werden.

Eines vorab: Wasserstoff ist nicht gleich Wasserstoff. Klimaneutral ist das Gas nur dann, wenn es mit Erneuerbaren Energien und nicht etwa fossilem Erdgas oder gar Kohle erzeugt wird und Atomstrom als Grundlage kommt wegen der Risiken nicht in Frage. Die große Herausforderung: Ausreichend grünen Wasserstoff zu produzieren, ohne den Kohleausstieg zu gefährden. Denn allein für diesen fehlt deutschlandweit substantiell grüner Strom. Der Zubau an Windrädern und Solaranlagen für Wasserstoff muss zusätzlich stattfinden. Das macht klar: Ohne den ambitionierten Ausbau der Erneuerbaren Energien und eine zeitliche Steuerung der Wasserstoffproduktion in Zeiten mit ausrechend Wind oder Sonne werden wir den Umbau kaum schaffen.

Wasserstoff macht die Industrie klimaneutral 

Grüner Wasserstoff ist kostbar und sollte gezielt dort eingesetzt werden, wo er am dringendsten benötigt wird. Wo ein Prozess auch gut elektrifiziert werden kann, ist der direkte Einsatz von grünem Strom vorzuziehen. In der Industrie gibt es aber Bereiche, die nur mit Wasserstoff auf klimaverantwortliche Produktion umstellen können. Weitere wichtige Bereiche sind der Einsatz von Wasserstoff als Grundstoff, der Schwerlastverkehr und die Sicherheit der Stromversorgung. Zwar war in den letzten Jahren kaum ein Sektor so erfolgreich wie die Industrie bei der CO2-Reduktion, dennoch verursacht allein die Grundstoff-Industrie rund 20 Prozent der europäischen Treibhausgas-Emissionen. Hinzu kommt: In vielen industriellen Prozessen sind die Effizienzpotenziale mit klassischen Optimierungsmethoden weitgehend ausgeschöpft.

Zum Beispiel Prozesse in der Stahl- und Chemieindustrie könnten zukünftig über Wasserstoff bedient werden. Laut der Wasserstoff-Roadmap des Fraunhofer-Instituts könnten auf europäischer Ebene bis zu 560 Terawattstunden an Wasserstoffbedarf für Industrieanwendungen nötig werden, um den Sektor zu dekarbonisieren. Mit Blick auf Deutschland könnte bis 2050 allein in der Stahlproduktion ein Bedarf von bis zu 56 Terawattstunden entstehen – das entspricht etwa dem aktuellen Gesamtverbrauch von Wasserstoff in Deutschland. So enorm der Bedarf an Strom aus erneuerbaren Energiequellen für diese Mengen ist, so wichtig ist es, den Industrieprozessen Priorität einzuräumen. Der Produktionsstandort Deutschland ist in Bedrängnis geraten, zum Beispiel durch den extremen Marktdruck aus China. China hat seine Stahlproduktion in den vergangenen 25 Jahren verzehnfacht. Die Produktion von grünem Stahl hingegen steckt noch in den Anfängen und Europa hat jetzt die gewaltige Chance zum weltweiten Frontrunner zu werden. Damit können wir unseren Standort nachhaltig stärken.

Gemeinsam sind wir stärker

Der Blick auf den nationalen Bedarf an Wasserstoff in den nächsten Jahrzehnten zeigt, dass Deutschland nicht darum herum kommt substantielle Mengen an Wasserstoff zu importieren. Gemeinsam mit unseren europäischen Partnern wollen wir verlässliche Partnerschaften nach gemeinsamen Vorgaben für Klima- und Umweltschutz, aber auch für die Einhaltung von Menschenrechten aufbauen. Energiepartnerschaften mit sonnen- und windreichen Ländern zum Beispiel aus Nord- oder Westafrika könnten nicht nur helfen, den Wasserstoffbedarf der deutschen Industrie zu decken, sondern auch Wertschöpfung vor Ort schaffen. Wir wollen Energiepartnerschaften auf Augenhöhe, die nicht nur den europäischen Wasserstoffbedarf, sondern auch die Energiesicherheit und die Energiewende in den Partnerländern berücksichtigt.

Die freudigen Ankündigungen der Bundesregierung können nicht darüber hinweg täuschen, dass die Transportfrage von einem Kontinent zum anderen noch lange nicht geklärt ist. Per Pipeline oder Tankschiff? Im Gemisch mit Methan oder bereits als Kraftstoff? Auch im Wirtschaftsausschuss des Bundestages wurde uns von Seiten der Bundesregierung bescheinigt, dass Wasserstoffschiffe eine wichtige Rolle einnehmen, die das begehrte Gas über lange Strecken transportieren könnten. Da die Bundesregierung in ihrer Wasserstoffstrategie massiv auf Importe setzt und nur zu 14% auf heimischen grünen Wasserstoff, wäre es höchste Zeit, statt teurer Planungen von LNG-Terminals für fossiles Gas jetzt den Bau von Wasserstoffterminals anzuschieben.

Jetzt konkret werden – Contracts for Difference und Quoten können helfen

Neben dem sehr viel ehrgeizigeren  Ausbau der Erneuerbaren Energien hierzulande (hier dürfen wir uns nichts vormachen: wir werden deutlich mehr in Windkraft und Photovoltaik investieren müssen), gilt es den Einsatz von grünem Wasserstoff in der Industrie zu ermöglichen. Wasserstoff ist nicht billig. Klimaneutral hergestellter Stahl ist bei heutigen CO2-Preisen spürbar teurer als herkömmlicher Stahl. Ohne faire Unterstützung hat grüner Stahl auf dem Weltmarkt keine Chance.

Deshalb ist es zum einen sinnvoll, den Umbau der Hochöfen durch Carbon Contracts for Difference abzusichern. Wenn der Staat mit Unternehmen Verträge für die Entwicklung von klimafreundlichen Projekten abschließt, sprich einen festen CO2-Preis über eine gewisse Laufzeit garantiert, ergibt sich daraus eine Win-Win Situation. Die Unternehmen haben Investitionssicherheit und können besser planen, der Staat unternimmt einen wichtigen Schritt hin zu Klimaneutralität und verringert gleichzeitig das Risiko von Überförderung. Solche Verträge könnten für verschiedene Verfahren hin zu mehr Klimaneutralität in der Industrie Schwung in den Technologieausbau bringen. Wir brauchen jetzt den Mut, sie umzusetzen.

Zum anderen ist es wichtig, dass europäische Unternehmen durch die Teilnahme am Emissionshandel keine Nachteile haben. Deshalb müssen wir diese weiterhin mit effektiven Mechanismen ausgleichen und unsere heimische Wirtschaft vor Greenwashing der internationalen Konkurrenz schützen.

Eine weitere Stellschraube für einen Leitmarkt für grünen Stahl sind entsprechende Einbringungsquoten und Produktstandards für CO2-arme oder -freie Materialien. Nach der Einschätzung von AGORA Energiewende wäre das mächtige Instrument unter bestimmten Bedingungen wettbewerbsrechtlich durchaus umsetzbar. Produzenten von Konsumgütern werden damit verpflichtet, festgelegte Anteile von CO2 -frei produzierten Rohstoffen, bzw. Materialien zu verwenden. So wird den Produzenten eine Mindestabnahme garantiert, die energieintensive Herstellung kann sich wirtschaftlich für sie lohnen.

Wasserstoff wird zukünftig eine enorme Rolle spielen. Die Frage ist, ob Deutschland es schaffen wird, vorne mitzumischen. Entscheidend dafür wird sein, ob die Bundesregierung die extreme Dringlichkeit erkennt. Ohne einen engagierten und deutlich ambitionierteren Ausbau der Erneuerbaren Energien, den Aufbau stabiler Wasserstoff-Partnerschaften, eine klare Priorisierung von Anwendungsfeldern und die zügige Umsetzung von Förderinstrumenten bleibt Deutschland auf der Strecke. Die nationale Wasserstoffstrategie kann nur der Anfang sein. Besser gestern als heute sollten wir die Vorhaben auch tatsächlich umsetzen.