Green Digital Deal

Wohlstand durch Innovation und ökologische Modernisierung

19.12.2017

von Dr. Anna Christmann, Dr. Danyal Bayaz, und Dieter Janecek

Klimawandel, Artensterben, schlechte Luft in den Städten, Plastikmüll im Meer – die Mehrheit der Menschen in unserem Land erwartet, dass die Politik handelt. Dennoch haben wir in den Sondierungen für eine Jamaika-Koalition einen enormen Gegenwind von Union und insbesondere FDP erlebt, wenn es um konkrete Maßnahmen wie den Kohleausstieg, ökologische Landwirtschaft oder die Mobilität der Zukunft ging. Jaja, man wolle die Pariser Klimaziele schon irgendwie einhalten. Aber konkrete Maßnahmen wurden als Planwirtschaft, technologiefeindlich und schlecht für die wirtschaftliche Prosperität unseres Landes diffamiert. Horrorszenarien einer Dunkelflaute werden aufgebaut, in denen wir zu Hause wieder ums Lagerfeuer sitzen müssen, weil die Grünen den Strom abgeschaltet haben. Warnungen vor einer Deindustrialisierung Deutschlands und dem Verlust Tausende von Arbeitsplätzen, weil Politik die Arbeit von Ingenieuren übernehmen und Autokonzernen ihre Antriebsart vorschreiben wolle, machten die Runde.

Wer mit solchen Bildern arbeitet, ist nicht nur populistisch, sondern hängt auch in einer Arbeits- und Wirtschaftswelt fest, die schon heute mitten im Wandel ist. Auffällig ist, dass gerade diejenigen, die am häufigsten Innovation und Digitalisierung in Wahlkampfreden predigen, sich am lautesten gegen Modernisierung und Strukturwandel wehren. Sie schlagen sich in die Büsche, wenn dringend gehandelt werden muss. Sie verweisen darauf, dass es der Markt schon regeln wird, meinen insgeheim aber, dass eigentlich alles beim Alten bleiben soll. Dabei ist der Markt viel weiter und wartet häufig auf die Politik.

Wirtschaft und Wissenschaft oft mutiger als Politik

Es sind Firmen wie Bosch und VW, die eine neue Schadstoffplakette für Autos fordern. Unternehmen wie Siemens, Telekom, Eon, EnBW und vier Dutzend Weitere, die in einer gemeinsamen Erklärung für den Kohleausstieg trommeln. Und Autobauer wie BMW und Daimler, die für mehr Platz für Fußgänger und den Radverkehr in den Innenstädten werben, für weniger Autos mit höherer Nutzung durch Sharing. Im Mittelstand tummeln sich zahlreiche Unternehmen, die “grüne” Geschäftsmodelle rund um erneuerbare Energien oder Energieeffizienz entwickeln. Hidden Champions nutzen Open Data für neue Geschäftsmodelle rund um Mobilität oder treiben Technologien wie den 3D-Druck voran, um präzise, Ressourcen schonende Produkte herzustellen.

Seit Jahrzehnten mahnt uns die Wissenschaft zum Handeln – mehr als 15.000 Forscherinnen und Forscher unterzeichneten im November einen entsprechenden Appell. Und gleichzeitig sind es die Ingenieure und Entwicklerinnen in Unternehmen und Wissenschaft, die längst an Technologien arbeiten, die uns helfen können, den Klimawandel einzudämmen.

Und die Politik? Zumindest die deutsche Politik – denn international, siehe die Klimainitiative des französischen Präsidenten, tut sich ja einiges – bremst. Sie hemmt damit auch die Entwicklung neuer Technologien für die Energieversorgung oder Mobilität von morgen aus. Oder plakatiert im Wahlkampf: Industriearbeitsplätze erhalten. Und meint damit, alles so lassen, wie es ist. Was de facto bedeutet, dass man die Arbeitsplätze eben nicht erhält, sondern sie vielmehr aufs Spiel setzt. SPD, Union und FDP bedienen die Illusion, wir müssten uns nicht weiterentwickeln und könnten ökologische Standards, die mittlerweile weltweit gefragt sind, ignorieren und so unsere Wirtschaft schützen. Wenn wir aber Anfang des letzten Jahrhunderts an Kutschen festgehalten hätten – wie von Kaiser Wilhelm II postuliert – statt Fahrzeuge völlig neu zu denken, wären wir heute nicht Exportweltmeister in der Automobilindustrie.

Als Grüne sind wir überzeugt, dass wir – auch und gerade mit Hilfe von Wissenschaft und Technologie – die Welt positiv gestalten können. Dass uns technische und soziale Innovationen helfen, die Herausforderungen, vor denen wir stehen, zu meistern – dass es uns möglich sein wird, im 21. Jahrhundert Wohlstand zu erwirtschaften und gleichzeitig unsere Wirtschaft zu ökologisch modernisieren, den Verlust an Artenvielfalt einzudämmen, die Übernutzung der Meere zu beenden.

Der Weg dorthin ist keiner des Verzichts, sondern einer des Fortschritts und der Innovation. Dass sich unsere Lebensstile und Konsumgewohnheiten gründlich ändern werden, ist selbstverständlich. Mit dem benzin- oder dieselbetriebenen Privat-PKW beispielsweise morgens auf dem Weg zur Arbeit im Stau zu stehen oder Autos mehr als 90 Prozent der Zeit sinnlos ungenutzt rumstehen zu lassen, wird uns in 20 Jahren genauso antiquiert vorkommen wie heute ein Wählscheibentelefon. Erst soziale und technologische Innovationen werden uns einen nachhaltigen Lebensstil in Wohlstand ermöglichen. Wohlstand ohne Innovation und eine intakte Umwelt ist hingegen nicht möglich.

Innovation ist im 21. Jahrhundert grün und digital

Die globalen Megatrends – Klimawandel, Ressourcenmangel, Digitalisierung, Globalisierung, Urbanisierung, demografischer Wandel – sind die zentralen Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen. Eine besondere Rolle kommt dabei dem doppelten Wandel, der doppelten Transformation unserer Wirtschaft zu – der digitalen und der ökologischen Transformation. Diese haben das Potenzial, sich gegenseitig zu verstärken, bedürfen aber dazu der intensiven wissenschaftlichen wie politischen Begleitung.

Besonders groß ist das Potenzial der Digitalisierung mit Blick auf Energie- und Rohstoffeffizienz, ob in der smarten Ultra-Effizienz-Fabrik oder beim Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Smart Farming kann einer schonenden Landwirtschaft zum Durchbruch verhelfen und intelligente Energiesteuerung ermöglicht ein kostengünstiges und zuverlässiges Energiesystem auf Basis 100 Prozent Erneuerbarer Energien.

Wir stecken zudem mitten in einem radikalen Wandel der Mobilität, vermutlich dem radikalsten seit dem Siegeszug des Automobils vor rund 100 Jahren. Elektromobilität, der Austausch des Verbrennungsmotors durch einen elektrischen Antriebsstrang, ist dabei noch die am wenigsten revolutionäre Entwicklung. In den nächsten Jahren wird es um eine Neuerfindung der Mobilität gehen. Selbstfahrende geteilte Fahrzeuge machen 90 Prozent der PKW in urbanen Gebieten überflüssig, die Grenzen zwischen ÖPNV und motorisiertem Individualverkehr verschwindet durch die digitale Verkehrssteuerung.

Enorme Chancen bietet die Digitalisierung auch für den ländlichen Raum – zumindest wenn der Infrastrukturausbau auch dort endlich mal richtig in Fahrt kommt. Viele Regionen leiden an der Abwanderung gerade junger Menschen. Digitale Vernetzung bietet nun die Chance, dass mittelständische Unternehmen und Selbständige ihre Produkte und Dienstleistungen international anbieten und dadurch hochwertige Arbeitsplätze in ländlichen Räumen gehalten oder geschaffen werden können. Auch für die ärztliche Versorgung ergeben sich ganz neue Perspektiven, beispielsweise wenn der niedergelassene Hausarzt vor Ort die Lungenfachärztin oder die Internistin in der Kreisstadt den Endokrinologen aus der nächsten Uni-Klinik bei Diagnose und Behandlungsgespräch zuschalten kann.

Alter Wein in neuen Schläuchen ist keine ökologische und technologische Modernisierung – dazu braucht es neue, innovative Geschäftsmodelle, die beispielsweise auf Teilen statt Besitzen setzen, die Blockchain-basierte Mieterstrommodelle entwickeln, mittels 3D-Druck industrielle Produktion ganz neu denken oder durch cloud-Anwendungen den Energieverbrauch der IT drastisch reduzieren helfen. Neue Formen von Unternehmertum, Social Entrepreneurship, also die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen, dabei eine Schlüsselrolle.


Freiräume und Sicherheit gewähren

Politik muss Freiräume bieten aber auch Sicherheit für diejenigen, die nicht unmittelbar vom Wandel profitieren oder sogar Verlierer der Transformation sind. Es gilt, mit einem Green Digital Deal gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft das Tempo zu erhöhen und Experimentierräume zu stärken, in denen die Ideen der Zukunft entstehen. Wir dürfen den ökologischen und digitalen Wandel nicht länger ausbremsen, indem wir durch ökologiefeindliche Subventionen und bürokratische Vorgaben künstlich an veralteten Technologien festhalten. Wir müssen aber auch denjenigen eine Perspektive bieten, deren Jobs sich drastisch verändern und sogar wegfallen werden. Ein umfangreiches Weiterbildungs- und Strukturprogramm Arbeit 4.0 muss Teil eines Green Digital Deal sein.

Sind wir an der Spitze der Transformation, werden neue Bereiche entstehen, in denen Fachkräfte benötigt werden. Laufen wir der Innovation hinterher, wird der Wandel sehr viel schwieriger sozial und wirtschaftlich erfolgreich zu gestalten sein. Verlieren wir also keine Zeit. Arbeiten wir an der Zukunft – gerne auch mit allen in anderen politischen Parteien, die Veränderungsprozesse aktiv mitgestalten wollen.

Über die AutorInnen:

Dr. Danyal Bayaz (Jahrgang 1983) war vor seiner Wahl in den Deutschen Bundestag 2017 als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group in den Arbeitsbereichen Digitalisierung, Arbeit 4.0 und Finanzmärkte tätig. Bayaz promovierte zu internationalen Finanzmärkten und Private Equity.

Dr. Anna Christmann (Jahrgang 1983)zog 2017 neu in den Bundestag ein. Nach der Promotion in der Schweiz und Kalifornien arbeitete sie als Grundsatzreferentin im baden-württembergischen Wissenschaftsministerium an der Digitalisierungsstrategie der Landesregierung mit.

Dieter Janecek (Jahrgang 1976) war seit 2013 wirtschaftspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion sowie Mitglied im Wirtschafts- sowie Digitalausschuss. Er zog 2017 zum zweiten Mal in den Bundestag ein. Janecek ist Gründungsmitglied des Think Tanks „Die Transformateure“ und beschäftigt sich seit Jahren mit der ökologischen Modernisierung der Wirtschaft.

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