Die ungesteuerte Transformation: Impulsschrift mit Harald Welzer

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Gesellschaften lernen nur wider Willen! So die – zumindest auf den ersten Blick pessimistische – Grundthese eines gemeinsamen Textes von Harald Welzer und mir, der diese Woche im Stern erschienen ist. In den letzten Monaten wurde ja viel über das Präventionsparadox gesprochen, darüber wie schwer es uns als Gesellschaft offenbar fällt, rechtzeitig vor Eintritt des Krisenfalls zu handeln.

Offenbar schaffen wir es erst im Angesicht von Krisen und Katastrophen uns und unser Verhalten anzupassen. Die globale Pandemie hat unser aller Leben in kurzer Zeit massiv verändert – und viele Veränderungen werden vermutlich bleiben, auch nach der Pandemie.

Trotz allem: Hoffnung ist da

Wird es uns auch gelingen, in Anbetracht einer immer stärker spürbaren Klimakatastrophe unser Verhalten, sprich unsere Wirtschafts- und Konsummuster, innerhalb kürzerster Zeit radikal und schnell genug zu verändern?

Können wir als Gesellschaft – angesichts der drohenden Unbewohnbarkeit von Teilen unseres Planeten – schnell genug lernen? Und kann die Lernkurve der notwendigen Veränderungen in der Gesellschaft die physikalischen Veränderungsprozesse in der Erdatmosphäre outperformen?

Die starke Stimme der Klimabewegung, aber auch viele Unternehmen, die die Herausforderungen der Klimakrise offenbar deutlich besser verstehen als leider weite Teile der Politik, machen – trotz allem – Hoffnung, dass der notwendige gesellschaftliche Lernprozess Fahrt aufnimmt.

Hier ist nun der vollständige Text zu lesen:

Die ungesteuerte Transformation

Dieter Janecek & Harald Welzer

Wie immer die Corona-Krise ausgeht, auf jeden Fall hat sie einen Satz bewahrheitet, der von dem verstorbenen Soziologen Karl-Otto Hondrich stammt: Gesellschaften lernen nur wider Willen. Zum Beispiel eben durch Pandemien, Kriege, Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen. In der Pandemie hat unsere Gesellschaft nicht nur gelernt, dass es gut sein kann, das Primat der Wirtschaft auszusetzen, um Leben zu schützen und zu retten. Sie hat auch gelernt, die Wertigkeit oder neudeutsch Systemrelevanz von Tätigkeiten neu einzuschätzen und findet, jedenfalls wenn es akut wird, die Intensivpflegerin wichtiger als den Automanager. Und natürlich zeigt sich in der Krise, wer Verantwortung auch unter Unsicherheitsbedingungen tragen kann und wer spektakulär versagt. Und selbst Christian Lindner hat inzwischen gelernt, dass es im Krisenfall ungünstig sein kann, wenn Versorgungsinfrastrukturen allein den Marktgesetzen unterworfen sind. Daseinsvorsorge als staatliche Aufgabe ist vielleicht doch eine bessere Idee, als die Standardökonomie und die FDP lange gepredigt haben.

Alle diese Lerngeschichten haben bei Klimaschutzbewegten die Hoffnung geweckt, dass man sie auch auf den Kampf gegen den Klimawandel übertragen könne, ja, dass die Corona-Krise die Lehre schlechthin für die längst überfällige große ökosoziale Transformation sei. Nun, in den Fantastilliarden der nationalen und europäischen Konjunkturpakte ist ziemlich wenig Transformation enthalten, und schon beim vergleichsweise kleinen Problem der Besserstellung der Pflegekräfte hat man nicht viel gesehen, was nach dem Beifall klatschen übrig blieb. Es könnte also sein, dass Krisenzeiten schlechte Lernzeiten sind, was gesteuerten gesellschaftlichen Wandel angeht – zu groß ist nämlich der Drang, zur Welt davor zurückzukehren, und dies gerade deswegen, weil der ungesteuerte Wandel so umfassend und mächtig wirkt.

Also: Gesellschaften lernen nur wider Willen, und darin liegt auch eine böse Kränkung für alle Steuerungsphantasien in Bezug auf die sozial-ökologische Transformation. Sehen wir denn nicht gerade die tiefgreifendste Reform der Nachkriegszeit in den Universitäten, die fast nur noch online stattfinden und in denen so etwas wie eine akademische Kultur komplett annulliert ist? Ist nicht gerade jegliche Arbeit außerhalb von Handwerk, Produktion und Handel in kürzester Zeit fundamental reformiert worden – Stichwort homeoffice? Und haben sich nicht die Mischungsverhältnisse von Arbeit und Freizeit, der Geschlechterrollen, die Zeitgestaltung, die Beziehungsverhältnisse deutlich transformiert? Die Mobilität, der Tourismus, die sozialen Verkehrsformen – alles ist so rapide transformiert, dass man schon irritiert ist, wenn sich Menschen in Spielfilmen zur Begrüßung umarmen oder in den Urlaub fahren. Ganz unabhängig von der Bewertung, ob es sich bei all dem um wünschenswerte Reformen und Transformationen handelt: sie sind jedenfalls umfänglicher und nachhaltiger, als sie die Urschrift aller neueren gesellschaftlichen Steuerungsutopien, die „Große Transformation“, entworfen vor fast 10 Jahren vom Wissenschaftlichen Beirat für globale Umweltveränderungen (WBGU), herbeiphantasiert hatte. Nur: Diese große Transformation, die wir heute erleben, hat niemand  beschlossen. Sie geschieht.

Und diese ungesteuerte, nicht beschlossene Transformation deutet an, dass wir – ganz ähnlich wie nach traumatischen historischen Erfahrungen wie der Pest, der Weltkriege, 9/11 – vielleicht in eine Phase nachhaltiger Umgestaltung unseres gesellschaftlichen Gefüges eintreten und in der allgemeinen Verunsicherung gerade erst jene leichten Vibrationen und Eruptionen spüren, die einer tektonischen Verschiebung unseres gesellschaftlichen Fundaments vorausgehen.

Zu diesen Vibrationen gehört zunächst einmal eine grundlegende Erwartungsunsicherheit, die den Planungsbedürfnissen moderner Gesellschaften zuwiderläuft und die zum Fehlschlag des Lockdown Light geführt hat – gewissermaßen der gescheiterte Versuch, mit dem Virus zu dealen. Nun ist der weitere Verlauf der Pandemie völlig offen – und damit auch alle von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängigen Fragen, von der Arbeitslosigkeit über das Protestpotential bis hin zum digitalen Strukturwandel. Alles dies läuft mitten in ein Wahljahr hinein, und niemand kann gegenwärtig antizipieren, wie sich die erwartungsoffene Situation auf das Wahlverhalten auswirken wird. Dazu kommt in der Krise ein weiterer Faktor in den Blick, der Steuerungsutopien fragwürdig erscheinen lässt: Denn nichts seit der Erfindung der Dampfmaschine hat unsere soziale Wirklichkeit, unsere Kommunikation, unsere Wirtschafts- und Arbeitsformen, unseren Konsum und sogar unsere Selbstverhältnisse in eine so dynamische, wiederum ungesteuerte Veränderung gezogen wie Computer, Internet, Smartphone und die sogenannten sozialen Netzwerke. Das Transformationsgeschehen, das mit der Entwicklung digitaler Technologie eingesetzt hat, ist durch die Pandemie noch einmal rasant beschleunigt worden, ablesbar nicht nur an der Verdreifachung des Umsatzes von amazon, sondern auch an der schon erwähnten Verlagerung der Arbeit in die Wohnungen und Eigenheime.

Wie schnell das alles geht und wie Bewusstsein und Kompetenzen nachhinken, zeigt sich besonders im Bereich der schulischen Bildung, wo die Home-Schooling-Phase nicht nur die ohnehin skandalöse Bildungsungleichheit nochmals verstärkt hat, sondern auch die Geschlechterverhältnisse verändert und die Familiensysteme ganz erheblich unter Stress gesetzt hat. Nichts konnte die Langsamkeit und Phantasielosigkeit sogenannter Bildungspolitik klarer verdeutlichen als die Groteske, dass die Kultusministerkonferenz ohne den Zwang des harten Lockdowns noch bei Schneesturm und 500plus-Inzidenz auf Präsenzunterricht mit „Lüftungsmanagement“ bestanden hätte.

Weitaus geschmeidiger haben Verwaltungen und natürlich Unternehmen reagiert. Die in wenigen Wochen mit umfassendem home office gemachten Erfahrungen in Architektur- und Ingenieurbüros, in Verlagen, Agenturen, Banken, Schulen, Dax-Konzernen, mittelständischen Betrieben, Universitäten, Verwaltungen werden die Arbeitswelt massiv und nachhaltig verändern – mit Konsequenzen für die Pendlerströme, die Wohnpräferenzen, die Immobilienbranche etc. Wenn ein Unternehmen wie Siemens in seinem Konzept „mobiles Arbeiten“ davon ausgeht, dass künftig bis zu 140.000 Beschäftigte zwei oder drei Tage die Woche von zuhause aus arbeiten werden, dann deutet das nur an, wie tief der Strukturwandel der Arbeit in allen Sektoren außerhalb der Produktion sein wird. Allenthalben wird gesehen, wie intensiv sich Immobilienkosten senken lassen, wenn die Arbeit in die Wohnungen und Häuser der Beschäftigten verlagert wird – das gilt für die Deutsche Bank genauso wie für Agenturen, Redaktionen oder Planungsbüros. Dabei ist von allen Seiten zu hören, mit welcher Überraschung festgestellt wurde, dass sich auch Arbeitsprozesse virtualisieren lassen, von denen alle Beteiligte vor Corona steif und fest behauptet hätten, dass das völlig unmöglich sei. Große Bauvorhaben werden nun virtuell durchgeplant, Zeitschriftenausgaben komplett online erarbeitet, ganze Curricula für den virtuellen Raum konzipiert. Auch nach Ende der Pandemie wird Home Office allein oder die Kombination von Home Office und Präsenzzeit im Büro für Viele zum New Normal werden – mit weitreichenden Konsequenzen vom Pendlerverkehr bis zu den Siedlungsformen.

Die relativ starke Urbanisierungs-Tendenz in Richtung vor allem der Metropolen der letzten Jahre könnte sich umkehren, mit der Folge einer Aufwertung der ländlichen Räume, allerdings auch mit höherem Flächenverbrauch. Auch der Bedarf für ein eigenes home-office-Zimmer zuhause wird zu steigenden Wohnraumgrößen und damit zu Flächen- und Ressourcenbedarf führen, zumindest außerhalb von Ballungsräumen mit völlig überhitzten Wohnungsmärkten. Flair 173, das meistgebaute Einfamilienhaus in Deutschland, wird größer werden.

Im Dienstleistungssektor haben, einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung zufolge, 93 Prozent von 500 befragten Unternehmen vermehrt Online-Konferenzen abgehalten; zwei Drittel haben Mitarbeiter- und sogar Vorstellungsgespräche ins Netz verlagert. Diese Tendenz wird nachhaltig zu einem radikalen Rückgang eines großen Teils des Geschäftsreiseverkehrs führen – mit allen Konsequenzen für die Hotellerie, Gastronomie, Taxiunternehmen etc. – Veränderungen, die auch nach Ende der Pandemie nicht zurückgenommen werden. Insbesondere kurze Besprechungstermine face to face werden entfallen; Geschäftsreisen werden sich auf wichtige Treffen fokussieren bzw. auf Anlässe, bei denen direkter Austausch wichtig ist. Schon aus Kostengründen werden viele Unternehmen versuchen, nicht mehr zum bisherigen Niveau von Geschäftsreisen zurückzukommen. Kulturell wird das zu Kollateralschäden führen – etwa zum Verlust des Lufthansa-Senator-Status, der einzelne sogenannte Entscheider psychisch hart treffen wird. Und natürlich wird dies auch massive soziale und wirtschaftliche Folgen haben, gerade für die Beschäftigten von Airlines oder Business-Hotels.

Wohlgemerkt: Das sind die Folgen einer Digitalisierung der Arbeitswelt, die in ein paar Monaten einfach so geschehen sind. Sie werden so nachhaltig sein, dass sie die Zukunftspläne von Fluggesellschaften, Airports und Autoindustrie genauso zunichte gemacht haben wie die Aussichten des stationären Handels. Die Umsatzsteigerungen im Online-Handel zeigen einen nochmals deutlicheren Strukturwandel in Richtung E-Commerce an, und der bedeutet einen weiteren erheblichen Marktmachtzuwachs der Plattformen genauso wie eine dauerhafte Veränderung der Konsumentengewohnheiten. Coronabedingt hat auch die kaufkraftstarke Altersgruppe 55 plus, bislang wenig E-Commerce-affin, das Einkaufen im Netz entdeckt. Auch dies alles wird sich nicht nur auf dem Arbeitsmarkt auswirken, sondern transformativ auch auf das Gesicht der Innenstädte und Gemeinden, nicht zuletzt auch auf das soziale Leben. Shopping als Freizeitgestaltung wird ein historisch kurzlebiger Trend gewesen sein.

Die schnelle Transformation klassischer Geschäftsmodelle führt nicht nur zu erheblichen Einsparungen, sondern auch zu dauerhaften Arbeitsplatzverlusten – siehe Karstadt-Schließungen –  und entsprechendem Druck nicht nur auf die Sozialsysteme, sondern auch auf das gesellschaftliche Klima. Es wird nicht wenige Abgehängte geben, auch aus dem ehemals gehobenen Mittelstand. Welche gesellschaftspolitischen Verwerfungen, welche populistischen Verlockungen das erzeugt, kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht antizipieren.

Die Veränderungsgeschwindigkeit ist für Zukunfts- und Wirtschaftsforschungsinstitute deutlich zu hoch: die Transformation entwickelt eine Eigendynamik, die die Prognosemöglichkeit so locker überfordert wie die Steuerungsphantasien der wissenschaftlichen Politikberatung. Auch wenn die Hoffnung auf einen Impfstoff nicht trügerisch ist: Die neue Normalität wird sehr anders sein als die, die wir kannten. Vieles kehrt post-coronal nicht mehr wieder, und wir sehen in Umrissen den Auftakt zu einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation, die nahezu alles – von den Familien- bis zu den Erwerbsformen, von der Mobilität bis zu Wohnungstypen, vom Massenkonsum bis zum politischen Protest – erfassen wird. Das alles mit offenem Ausgang, was ökologische und soziale Fragen angeht. In theoretischer Hinsicht ist dabei interessant, dass eine sich lange anbahnende technologische Transformation durch ein schlagartiges Krisenereignis rapide beschleunigt wird und die Gesellschaft als Ganze verändert.

Zurück zu der Frage, ob all diese rasanten, aber unbeabsichtigten, unbeschlossenen und ungesteuerten Entwicklungen die Chancen auf eine gesteuerte große Transformation zu Gunsten des Weltklimas erhöhen. Wohl nicht. Denn schon die kurze Auflistung der nachhaltigen Folgen der coronabedingten Transformation zeigt, dass tiefgreifende Veränderungen in den Verkehrs-, Beziehungs- und Verhaltensformen einer Gesellschaft keine ideelle, sondern eine materielle Basis brauchen. Der Soziologe Arnold Gehlen hat dafür den Begriff „Konsequenzerstmaligkeit“ geprägt, und damit Ereignisse und Geschehnisse bezeichnet, die erstmalig auftreten, in ihrer transformativen Wirkung aber tief und nachhaltig sind. Demgegenüber verändern Argumente, Diagramme und Appelle erstmal gar nichts, sondern werden, wie die Geschichte der Ökologiebewegung zeigt, mehr oder weniger unauffällig in die gesellschaftliche und wirtschaftliche Normalität eingepreist. Wäre das anders, wären in dem bald halben Jahrhundert, das seit dem Erscheinen der „Grenzen des Wachstums“ vergangen ist, die Lieferketten kürzer und nicht immer länger geworden, die Mobilität weniger und nicht mehr, die Autos kleiner und nicht größer, die Lebensstile sparsamer und nicht immer expansiver.

Schon Marx hat gezeigt, dass der gesellschaftliche Überbau sich viel langsamer verändert als sein materieller Unterbau, und der Soziologe Norbert Elias hat vom „Nachhinkeffekt“ gesprochen und damit gemeint, dass Mentalitäten, Selbstbilder und daran gebundene Handlungsstrategien hinter den materiellen Veränderungen lange Zeit zurückbleiben. Um gesellschaftliche und wirtschaftliche Spielanordnungen zu verändern, bedarf es eben materieller Gründe und Zwänge für die Veränderung, Ideen und Argumente reichen nicht.

Wenn Gesellschaften nur wider Willen lernen und tiefgreifende Transformationen durch krisenhafte Ereignisse und technologischen Wandel ausgelöst werden, dann aber ungesteuert verlaufen, wird man klimapolitisch nicht auf die Wirkung wissenschaftlicher Aufklärung und flammender Appelle vertrauen können. Erst wenn die Folgen des Klimawandels so krisenhaft werden, dass sie wie die Corona-Pandemie die Routinen des Normalbetriebs unterbrechen, wird es zu einer Transformation kommen. Politik, lernen wir, kann Anpassungsprozesse gestalten, aber nicht komplexe Transformationsprozesse initiieren, geschweige denn steuern. Bleiben als Aussichten: Durch kreative Formen des Protests und das vorbereitende Entwickeln und Leben von alternativen Praktiken die Welt materiell tatsächlich zu verändern, zunächst sicher nur im Kleinen. Oder auf die große Klimakrise warten, deren Folgen ein Weitermachen wie bisher unmöglich machen und die nächste Lerngeschichte einleiten.

Alles andere dürfte Wunschdenken gewesen sein.