Braucht Deutschland einen Raketenstartplatz?

Weltraum, Sterne, Bildquelle: Pixabay, User: geralt

Im September sorgten Meldungen über einen möglichen Startplatz für Raketen zum Transport von Kleinsatelliten (sogenannte Microlauncher) in der Nordsee für Schlagzeilen. Die Idee: Ein Offshore-Weltraumbahnhof an Bord eines Spezialschiff in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone, von dem aus Trägerraketen mit einer Nutzlast von bis zu einer Tonne ins All starten. 

Wie realistisch sind die Überlegungen, die der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vorantreibt? Welche Position vertritt die Bundesregierung in der Frage? Ist ein solcher Startplatz mit Blick auf verschiedene derzeit in Planung befindliche Projekte in anderen europäischen Ländern wirtschaftlich überhaupt sinnvoll? Und wie ist das Projekt ökologisch einzuordnen? Diese und andere Fragen stellten wir der Bundesregierung. Die Antwort auf die Kleine Anfrage liegt nun vor (Drucksache 19/24004). Knapp zusammenfassen lässt sich diese Antwort wie folgt: “Prüfung der Pläne läuft noch”.

Hintergrund: Boom bei New Space

Seit den 1970er Jahren verfügt Europa über den Weltraumbahnhof bei Kourou (das Centre Spatial Guyanais) in Französisch-Guayana auf dem südamerikanischen Kontinent, in unmittelbarer Äquatornähe. Die ehemalige französische Kolonie ist seit 1946 ein Überseedepartement Frankreichs, also vollintegrierter Teil des französischen Staates und damit auch Teil der Europäischen Union. Bekannt ist Kourou als Startplatz für die Ariane-Raketen. 

Wieso jetzt also ein Weltraumbahnhof in der Nordsee? Hintergrund ist der derzeitige Boom im Bereich New Space, also die dynamische Entwicklung im Bereich Raumfahrtanwendungen, die zur Gründung zahlreicher Startups geführt hat. Insbesondere Klein-Satelliten ermöglichen an der Schnittstelle zwischen Navigation, Kommunikation, Erdbeobachtung und Digitalisierung zahlreiche neue Geschäftsmodelle – oft auch solche, von denen aus grüner Sicht konkrete ökologische Vorteile zu erhoffen sind. 

Für den Start von Klein- und Kleinst-Satelliten sind keine schweren Trägerraketen, die wie die europäische Ariane oder die Falcon des US-Unternehmens SpaceX tonnenschwere Nutzlast befördern können, nötig. Deutlich kleinere und deutlich günstigere Trägerraketen, die auch eine deutlich weniger aufwändige Startinfrastruktur benötigen,gewinnen deshalb schnell an Bedeutung.  Zunehmend wird es auch attraktiv, Raketenstarts nicht von Standorten in Äquatornähe vorzunehmen. Für Starts in polare Orbits sind Standorte, die weit nördlich (oder weit südlich, für die Südhalbkugel) liegen, attraktiv. 

Viele ungeklärte Fragen

Es ist also durchaus plausibel, dass eine Reihe von Akteuren über einen Raketenstartplatz auf dem europäischen Kontinent diskutieren. Verschiedene Fragen sind aber noch ungeklärt. Beispielsweise, wie viele Startplätze auf dem europäischen Kontinent sind unter ökonomischen Aspekten überhaupt sinnvoll? Derzeit befinden sich vier weitere Standorte auf dem europäischen Kontinent in Planung, darunter zwei in Schottland, ein Standort in Schweden und einer in Norwegen. Dazu kommt ein Projekt auf den Azoren, rund 1.400 km westlich des europäischen Kontinents im Mittelatlantik. 

Alle genannten Projekte sind – laut Auskunft der Bundesregierung – bereits weiter in Planung als der jetzt für die deutsche Nordsee vorgeschlagene Startplatz. Das spricht nicht automatisch gegen das deutsche Projekt, es braucht aber Klarheit, wie viele Standorte auf dem europäischen Kontinent parallel ökonomisch tragfähig betrieben werden können. Ein abgestimmtes europäisches Vorgehen ist deshalb notwendig. 

Zu diskutieren ist auch, wie das Ziel eines eigenständigen europäischen Zugangs zum Weltraum in diesem Kontext zu bewerten ist. Norwegen und Großbritannien sind zwar Mitglieder der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, aber keine Mitglieder der Europäischen Union, wobei Norwegen über den Europäischen Wirtschaftsraum ökonomisch und politisch sehr eng an die EU gebunden ist. Das zukünftige Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU ist hingegen weiterhin in der Schwebe. 

Ein deutscher Weltraumbahnhof ist also sicher keine Schnapsidee, wie viele Beobachter noch letztes Jahr vermuteten, aber auch noch ein erhebliches Stück von einer möglichen Realisierung entfernt. Voraussetzung für einen Erfolg ist eine sorgfältige Prüfung der Chancen und Risiken im europäischen Kontext.