Drei Fragen zu Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Dieter Janecek Portrait

Trägt die Digitalisierung zu mehr Emanzipation der Menschen bei oder führt sie nur zu einem „Schneller, höher, weiter“?

Beides. Die Digitalisierung bietet uns unglaubliche Möglichkeiten, zum Beispiel Zugang zu einer noch nie dagewesenen Fülle an Wissen – gerade für viele Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern ist das eine Revolution. Oder nehmen Sie die Wissenschaft: Komplexe Klimamodelle lassen sich ohne entsprechende Rechenpower gar nicht erstellen.

Ohne Digitalisierung wäre unser Wissen über die globalen Klimaveränderungen viel geringer.

Emanzipation setzt Wissen über die Welt voraus. Digitalisierung kann aber auch das Gegenteil bewirken, Überflutung mit Desinformation zum Beispiel. Fake News, auch Hass und Hetze, verbreiten sich rasant in sozialen Netzwerken. Entwicklungen, gegen die wir viel entschiedener vorgehen müssen als bisher.

„Smart“ ist ein Modewort. Ist für mehr Nachhaltigkeit die Digitalisierung ein Heilsbringer oder ein falsches Versprechen?

Wer meint, die Digitalisierung macht unser Leben automatisch nachhaltig, ist auf dem Holzweg. Jede digitale Anwendung verbraucht Strom, jede Hardware benötigt Ressourcen, der CO2-Fußabdruck digitaler Technologien ist global gesehen größer als der des Flugverkehrs.

Gleichzeitig können digitale Innovationen zum zentralen Hebel für die ökologische Transformation werden.

Wenn ich mit dem Leihrad, dem Carsharing-Fahrzeug und der Bahn genauso schnell und bequem vorankomme wie mit dem eigenen Pkw oder gar besser, alles über eine App verknüpft, dann revolutioniert das unsere Mobilität. Wenn wir digitale Innovationen im Verkehrssektor aber nur nutzen, um ein 2,5 Tonnen schweres Fahrzeug noch bequemer zu machen, dann wird das nicht sehr smart oder nachhaltig.

Länder wie Finnland, Schweden oder die baltischen Staaten sind bei der Digitalisierung weiter. Warum hinkt unser Land hinterher?

Bei der digitalen Verwaltung liegt Deutschland auf Rang 26 von 28 EU-Mitgliedsstaaten – das ist schon ernüchternd. Bei Glasfaser- oder Mobilfunk-Abdeckung sieht es ähnlich düster aus. Das wurde schlicht verschlafen. Eine gewisse Angst vor Veränderung ist schon ein Thema in Deutschland. Wir beschäftigen uns viel zu sehr mit der Frage, ob neue Technologien jetzt gut oder schlecht sind.

Viel wichtiger wäre es, vom konkreten Nutzen, von der konkreten Anwendung her zu denken.

Digitalisierung ist ja kein Selbstzweck. Digitale Anwendungen sind vielmehr Hilfsmittel, Werkzeuge. Man kann auch einfach mal neue Anwendungen ausprobieren – und es wieder lassen, wenn es nicht so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat.


Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin movum – Debattenmagazin der Umweltbewegung.