Digitalisierung und Handel
Macht der Digitalkonzerne begrenzen, Chancen für nachhaltigen Konsum nutzen

Dieter Janecek Portrait sitzendSchlechte Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren bei Amazon und bei Paketboten, die Vernichtung von Retouren, Ladensterben in Innenstädten und auf dem Land – oft sind es negative Nachrichten, die viele Menschen mit der Digitalisierung des Handels in Zusammenhang bringen. In der Tat müssen wir negative Entwicklungen durch die Digitalisierung im Handel ernsthaft in den Blick nehmen, dürfen aber nicht jede Fehlentwicklung auf die Digitalisierung schieben. Gesichtslose Einkaufszentren und autofreundliche Groß- und Baumärkte auf der „grünen Wiese“ sind keine Folgen der Digitalisierung. Und Auseinandersetzungen über beispielsweise Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten und Bezahlung sind nicht erst seit Erfindung des Online-Handels Thema für den es im Einzelhandel.

Digitale Marktmacht der Monopolisten beschränken

Bei Fehlentwicklungen müssen wir klar gegensteuern. Hierzu gehört, dass wir Marktmissbrauch durch globale Konzerne, die insbesonderen die digitalen B2C-Märkte dominieren, nicht dulden können. Es ist gut, dass die EU-Kommission hier eingreift und Ermittlungen gegen Amazon eingeleitet hat.

Die große Marktmacht des Konzerns beruht auf ihrer Datenmacht. Wollen wir hier gegensteuern, kann nicht die Schaffung eines deutschen oder europäischen Amazons die Lösung sein.

Stattdessen muss unsere Antwort eine datenschutzkonforme Datenökonomie sein, die auf Vertrauen und Sicherheit aufbaut und auch mittleren und kleineren Marktteilnehmer die Nutzung von Daten ermöglicht.

Dies würde sowohl innovativen stationären Händler als auch etablierten europäischen Online-Unternehmen und Startups neues Marktpotenzial ermöglichen.

Sichere und verantwortungsbewusste Datennutzung schafft neue Chancen

Daten sind der Rohstoff digitaler Geschäftsmodelle – einen Rohstoff, den Konzerne wie Amazon, Facebook oder Google in nahezu unerschöpflich wirkenden Mengen besitzen bzw. erheben.

Wir brauchen auch einen eigenen, einen europäischen Weg in der Datenökonomie.

Einer, der Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger gewährleistet, aber auch die rechtssichere Entwicklung von Geschäftsmodellen ermöglicht. Dezentrale Datenpools statt Monopolisten-Plattformen, Kooperatives Datenteilen, beispielsweise in genossenschaftlichen Strukturen, könnten eine Antwort auf die Datenmacht der Digitalkonzerne sein – und gerade auch dem mittelständischen Handel neue Möglichkeiten eröffnen. Die Voraussetzung hierfür: Vertrauen und Sicherheit. Wer Daten zur Verfügung stellt, muss die Sicherheit haben, dass sie nur so genutzt werden, wie er oder sie das möchte.

Die Chancen der Digitalisierung ergreifen

Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt, die über uns kommt, sondern etwas, das es zu gestalten gilt. Über Risiken, beispielsweise bei der Marktkonzentration, müssen wir reden, dürfen dabei aber die Chancen nicht aus dem Blick verlieren. Und die Chancen, die Vorteile, liegen, zumindest aus der Sicht der allermeisten Konsumentinnen und Konsumenten auf der Hand: bequemer Online-Einkauf, Produktvergleiche, auch das leichtere Auffinden von Informationen zu Öffnungszeiten, Anfahrt oder verfügbaren Produkten und vielem mehr sind für Konsumentinnen und Konsumenten zunächst einmal Vorteile.

Nicht umsonst macht sich das auch in Zahlen bemerkbar – online wächst deutlich dynamischer als der stationäre Handel: Bis 2022 soll der Umsatz im Online-Handel in Westeuropa um fast 12 Prozent zunehmen. Damit wächst er um zehn Prozent mehr als der stationäre Handel. Laut Bitkom bevorzugt jede dritte Verbraucherin, jeder dritte Verbraucher den digitalen Einkauf. Für die Zukunftsfähigkeit des stationären Handels wird es vor dem Hintergrund immer wichtiger online und offline klug miteinander zu verbinden.

Chancen für nachhaltigen Konsum nutzen

Nicht zuletzt gilt es, die Chancen der Digitalisierung gerade mit Blick auf nachhaltigen Konsum stärker zu nutzen. Von besserer Transparenz und Nachverfolgbarkeit von Produkten, ob Lebensmittel oder Textilien, hin zu einer dank smarter Steuerung effizienteren Logistik: die Digitalisierung kann auch, richtig eingesetzt, nachhaltigen Konsum fördern.

Gleichzeitig liegen hier auch große Herausforderungen, eine auch ökologisch richtige Strategie zu finden.

Wenn ein, idealerweise elektrisch angetriebener, Lieferwagen beispielsweise 50 Kunden und Kundinnen beliefert, sind die Transport-Emissionen deutlich geringer als bei 50 PKW-Fahrten zum Händler am Stadtrand. Wenn Lieferwagen aber zunehmend Radwege zuparken und die Verkehrswende in Städten behindern, dann nutzt auch ein Elektroantrieb wenig. Apropos richtige Strategie: der stationäre Handel würde sehr gut daran tun, Radfahrer und Fußgänger viel stärker als Kunden Ernst zu nehmen. Es ist ja nicht so, dass nur Autofahrer einen Geldbeutel beim Einkauf dabei haben.


Diesen Beitrag habe ich für den Blog https://einzelhandel.de/ (HDE) geschrieben, dort ist er am 26. August 2019 zuerst erschienen.