Technische Innovationen und Begrenzung des Wachstums – im kritischen Dialog mit der Luftfahrtindustrie

Fliegen schadet dem Klima. Das ist seit langem bekannt. Aktuell verursacht der Flugverkehr gut 2,5 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Ein überschaubarer Wert, könnte man meinen. Allerdings ist CO2 nicht die einzige Klimawirkung des Flugverkehrs, andere Luftfahrtemissionen wie Stickoxid, Wasserdampf oder  Kondensstreifen haben einen zusätzlichen Erwärmungseffekt, so dass der Flugverkehr derzeit für circa fünf Prozent der globalen Klimawirkung verantwortlich ist. 

Rede bei der Preisverleihung des 4. Innovationspreises der Deutschen Luftfahrt, Kategorie ‘Emissionsreduktion’. 06.06.2019.

Auch diese Zahl klingt zunächst überschaubar. Allerdings haben wir zwei große Probleme, wenn es um Flugverkehr und Klimaschutz geht. Erstens: Der Flugverkehr wächst und wächst. Bis 2036 ist mit einer Verdoppelung der Fluggastzahlen zu rechnen. Zweitens: Technische Pfade zur Dekarbonisierung sind anders als in den Bereichen wie Strom, Wärme oder Elektrifizierung von PKW  noch weit entfernt von einer Umsetzung im großen Maßstab. Flugzeuge sind oft 25 Jahre im Dienst, die technischen Entwicklungszyklen in der Luftfahrt sind lang. 

Was ist also zu tun? Einen Grünen oder Klimaschützer finden, der schon mal in den Urlaub geflogen ist, und laut “Heuchelei” rufen damit hat sich ja das Problem dann gelöst? Eher nicht. 

 

Wachstum eindämmen und technische Innovationen vorantreiben!

Wenn man die Herausforderung ernsthaft angehen will, ist die Antwort etwas komplexer. Wir müssen gleichzeitig auf technologische Innovationen und auf Begrenzung des Wachstums setzen. Denn einerseits werden auch in Zukunft Menschen fliegen – für den globalen Austausch ist das auch unerlässlich. Andererseits ist das derzeitige Wachstum des Flugverkehrs aber schlicht und einfach nicht klimaverträglich.   

mit Moderatorin Alexandra Gerlach und Holger Hafner (Diehl Aviation Laupheim), bei Preisverleihung des 4. Innovationspreises der Deutschen Luftfahrt, Kategorie ‘Emissionsreduktion’. Berlin, 06.06.2019.

Es ist ausdrücklich anzuerkennen, dass sich in der Luftfahrtindustrie viele Menschen Gedanken darüber machen, wie sich die Klimawirkung des Luftverkehrs reduzieren lässt. Zahlreiche Ingenieurinnen und Ingenieure tüfteln an Innovatione, die den Flugverkehr effizienter und weniger belastend für das Klima machen. Einige durfte ich in den vergangenen Jahren kennenlernen. Auch in diesem Jahr fungierte ich wieder als Laudator bei der Verleihung des Innovationspreises der Deutschen Luftfahrt – IDL und habe den Preis in der Kategorie “Emissionsreduktion” überreicht. Innovationen, die dazu beitragen, den CO2-Ausstoß pro beförderten Passagier zu reduzieren, sind enorm wichtig. 

Ebenso wichtig ist die Forschung zur Zukunft des postfossilen Fliegens wie es eines Tages mal, vielleicht in 30 Jahren, im großen Stil möglich sein wird sei es durch elektrische Antriebe oder synthetisches Benzin, beispielsweise durch das Sun-to-Liquid-Verfahren

 

Die Zeit beim Klimaschutz läuft uns davon

Wir können allerdings nicht warten, bis die Visionen des klimaverträglichen Fliegens eines Tages, vielleicht im Jahr 2040 oder 2050 Realität werden. Wir müssen jetzt handeln. Und dazu gehört eben auch, dass wir beim Thema  Luftfahrt die herrschende Wachstumslogik in Frage stellen. Will die Luftfahrtindustrie ihre “License to operate” nicht verlieren, muss sie sich dieser Frage auch selbst stellen. 

Die Lösungen liegen eigentlich nahe: Kerosinbesteuerung, Streichung der Subventionen für unrentable Flughäfen, Preissenkungen bei der Bahn durch Einführung eines reduzierten Mehrwertsteuersatzes im Fernverkehr. Ambitionierte Kapazitätsausweitung und Stärkung des grenzüberschreitenden Verkehrs bei der Bahn. Ersatz von möglichst allen Flügen auf der Kurzstrecke und auch möglichst vielen Flügen auf der Mittelstrecke durch ein leistungsfähiges europäisches Hochgeschwindigkeits- und Nachtzugnetz. Ersatz der einen oder anderen Geschäftsreise durch eine Videokonferenz. Und ja, idealerweise auch (Selbst)beschränkung bei Anzahl und Intensität von Urlaubsflügen, bewusstes Reisen und eine ehrliche Diskussion darüber, ob es so etwas wie ein individuelles CO2-Budget für Flüge braucht.

Wollen wir das Klima schützen, müssen wir den Flugverkehr reduzieren. Diese Forderungen stoßen naturgemäß auf größere  Begeisterung, wenn man sie vor Klimaschützern äußert als auf einer Veranstaltung der Luftfahrtindustrie. Aber gerade dort ist die Botschaft wichtig. 

 

Rede beim Innovationspreis der Deutschen Luftfahrt  (ab min 22:30)