Veränderte Entwicklungszusammenarbeit durch Digitalisierung

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Wer ein paar meiner Beiträge hier schon gelesen hat oder wer mich etwas besser kennt, der weiß: ich setze große Stücke auf die Potenziale einer Digitalisierung im Sinne von Mensch und Natur. Aber Digitalisierung per se muss nichts Gutes sein, Utopie und Dystopie liegen hier nah beieinander. Das gilt auch im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit.

Vergangene Woche war ich auf ein Podium der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) eingeladen um mit Achim Steiner, dem Leiter des UN-Entwicklungsprogrammes (UNDP), Lea Gimpel (Senior-Expertin im Kompetenzcenter Digitale Gesellschaft der GIZ), Andreas Förster (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und Friederike Bauer (DGVN-Redaktionsbeirat Zeitschrift VEREINTE NATIONEN) über den digitalen Wandel und dessen Auswirkungen auf die Entwicklungsarbeit der Vereinten Nationen zu sprechen.

Klar ist für mich: auch für Entwicklungsländer wird die Digitalisierung tief greifende Veränderungen mit sich bringen.

Blockchain kann Banken und Zwischenhändler überflüssig machen. Über digitale Technologien ermöglichte neue Formen der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, politischen und medizinischen Teilhabe könnten bisherige Schranken und Ausschlüsse in diesen Bereichen überwunden werden. Demgegenüber stehen als Gefahren zum Beispiel Totalüberwachung, Social Scoring und Verschärfung von Unterschieden oder Klassen.

Digitalisierung meets SDGs

Die Widersprüchlichkeit zwischen Chancen und Risiken zeigt sich anhand vieler einzelner Entwicklungsziele, bzw. Sustainable Development Goals – kurzs SDGs. Ein paar Beispiele:

  • Frieden: Transparenz, Beteiligung, Verteilungsfragen und mehr können digital viel besser gestaltet werden, was dabei helfen kann, irrationale Kriegsgründe zu verhindern. Genauso können aber auch Hass, Desinformation, Propaganda und digitale Waffen (Cyberwar) kriegerisch genutzt werden.
  • Ernährungssicherheit und nachhaltige Landwirtschaft: Präziseres, smartes Farming ermöglicht bessere Erträge, weniger Ressourcenverbrauch, weniger Fehlentscheidungen und Fehlallokationen. Eine digitalisierte Landwirtschaft kann aber durch proprietäre Software und Geräte auch Monopole errichten oder stärken und Marktteilnehmer*innen ausschließen.
  • Energie: Ohne Digitaltechnologie ist die Energiewende nicht zu schaffen (Smart Grid, Smart Meter, Energiemarkthandel, Peer2Peer-Netzwerke, etc.). Mit ihr wird die Energieversorgung als kritische Infrastruktur aber auch anfällig für Angriffe, Sabotage und Crime durch Hacks, Viren, Trojaner…

DGVN Podium EntwicklungszusammenarbeitChancen durch Teilhabe

Digitale Strukturen aufzubauen kann dabei helfen, eine Abkürzung von der dritten in die erste Welt zu nehmen: Fehlende oder defizitäre staatliche und gesellschaftliche Strukturen, etwa in der Verwaltung, im Bildungssystem, im Mobilitätsbereich, im Bereich Banken und Handel, können durch niedrigschwellige digitale Strukturen quasi ersetzt oder überbrückt werden.

Auch für Entwicklungsorganisationen kann das Nutzen digitaler Plattformen und Tools helfen, direkt mit Menschen und Projekten zu interagieren, statt den Umweg über die teils maroden und ineffizienten staatlichen Strukturen in Entwicklungsländern gehen zu müssen.

Weil in diesem Sinne in der Digitalisierung eine besondere Chance für Entwicklungsländer liegt, ist die vielleicht wichtigste Aufgabe, die Menschen dort zu befähigen, nicht nur Digitaltechnologie zu nutzen, sondern auch digitale Lösungen selbst zu entwickeln. Statt nur Ingenieur*innen, Ärzt*innen, Manager*innen und Jurist*innen auszubilden, sollten wir also mit Fortbildungsangeboten im Bereich Informatik und mit Technik, die keineswegs besonders leistungsfähig sein muss, Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Die Zukunft der Enticklungszusammenarbeit

Mit Blick in die Zukunft lässt sich schon jetzt absehen, dass die großen US-Digitalkonzerne (Google, IBM, Facebook) zunehmend in die 2. und 3. Welt investieren. China ist sowieso schon seit Längerem dabei, in Entwicklungsländern Rohstoffe zu fördern und macht dabei Entwicklungsländer zu abhängigen Partnern, die dann auch digital “beglückt” werden (in die Chinamonopole und Systeme integriert werden).

Die EU war hier lange viel zu zögerlich, muss viel mehr investieren und das europäische Modell einer digitalen Zukunft und Gesellschaft als Angebot machen, bzw. Mitstreiter*innen für unsere Vorstellung von einem guten digitalen Leben in der Welt suchen. Insbesondere da, wo noch alles offen ist.