re:publica
Wege zur umweltpolitischen Digitalagenda

Dieter Uwe Schneidewind re:publica

DIGITALISIERUNG IST DAS WERKZEUG,

EINE NACHHALTIGKEITSGESELLSCHAFT DAS ZIEL

 

Wir erleben gerade zwei zentrale Veränderungsprozesse: Das Ende des fossilen und das Ende des analogen Zeitalters. Beides stellt uns vor Herausforderungen, die wir heute meistern müssen, denn das Klima kippt und die Eigendynamik der digitalen Gesellschaft kolonialisiert zunehmend alle Bereiche unseres Zusammenlebens. Beide Transformationsprozesse – der ökologische wie der digitale – werden unsere Gesellschaft wesentlich verändern, eine soziale Transformation hervorbringen. Märkte und Technologien, Politik und Machtverhältnisse, soziale Normen und Bindungen und auch unsere Wissens- und Wertestrukturen:

Die dekarbonisierte digitale Gesellschaft wird sich wesentlich von der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts unterscheiden.

Aber wie soll oder kann sie aussehen? Statt „Bedenken second“ gelten zu lassen, begreifen wir langsam, dass wir diese Transformationsprozesse durchdenken und eben auch zusammendenken müssen. Denn sie sind komplex und bedingen sich wechselseitig, wirken aufeinander ein und was isoliert betrachtet als technologischer Fortschritt erscheint, kann am Ende des Tages für die sozialen und ökologischen Zusammenhänge zur Katastrophe ausarten.

 

Aus der Geschichte lernen

Neu ist das nicht. Jeder große gesellschaftliche Umbruch brachte Modernisierungsgewinner*innen und –Verlierer*innen hervor. Auch das Ausbilden der modernen Industriegesellschaften, die in der Summe mehr Dieter re:publicaWohlstand, mehr Demokratie, mehr soziale Absicherung und mehr Wissen und Vernunft in die Welt gebracht hat, war und ist begleitet von Phasen des Massenelends, der Umweltzerstörung und von Krieg. Wenn wir also irgendetwas aus den technologisch getriebenen gesellschaftlichen Umbrüchen der Menschheit gelernt haben, dann dass Utopien und Dystopien eng beieinander liegen, und dass es keinen Automatismus zwischen technologischem Fortschritt und einer besseren Welt gibt. Wobei besser für uns GRÜNE nachhaltig im Sinne der UN-Nachhaltigkeitsziele meint.

In den kommenden Jahren, soviel ist auch klar, stehen entscheidende Weichenstellungen für die digitale, wie für ökologische Transformation an. Wir können uns daher kein naiv-neoliberales Heraushalten und Laufenlassen mehr leisten. Wir können uns auch nicht leisten, uns auf technik- und marktimmanente Selbstregulierung zu verlassen. Denn unsere Geschichte lehrt uns eindringlich, dass das noch nie gereicht hat. Wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen und mit Regeln und Anreizen die digitale und nachhaltige Gesellschaft gestalten, in der wir leben wollen. Sonst werden wir gestaltet. Von Technik und vom Klimawandel.

 

#ÖkoDigital und #Zukunftskunst

Seit Längerem beschäftige ich mich nun schon intensiv im Parlament und vielen Hintergrundgesprächen mit den Wechselwirkungen der digitalen und der ökologischen Transformation. Bereits nach Verabschiedung der Digitalen Agenda der letzten Bundesregierung im Jahr 2014 habe ich im Bundestag kritisiert, dass die Bundesregierung die ökologische Seite der Digitalisierung ausblendet. Neben einem Diskussionspapier (Herbst 2018) habe ich dabei anlässlich des WBGU-Gutachtens auch eine Strategie für Nachhaltigkeit im digitalen Zeitalter eingefordert. Denn leider ignoriert die Bundesregierung in ihren vorgestellten Planungen (Digitalstrategie, KI-Strategie, Industriestrategie, …) bisher sowohl die ökologischen Chancen, als auch die ökologischen Risiken der Digitalisierung weitgehend. Lange waren auch in der Wissenschaft und bei den jeweiligen Aktivisten die Diskussionen über Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung nur sehr lose miteinander gekoppelt. Das ändert sich zwar gerade, aber wie entscheidend für unsere Zukunft Digitalisierung und Nachhaltigkeit wirklich zusammenhängen, bleibt immer noch viel zu vage und aktuelle Publikationen setzen hier ganz unterschiedliche Akzente: Werden sich die ökologischen und sozialen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur durch die Digitalisierung lösen lassen? Oder werden uns die Nebenfolgen der Digitalisierung in ungeahnte ökologische, soziale und gesellschaftliche Probleme stürzen? Kann eine “nachhaltige Digitalisierung” gestaltet werden?

Dieter Uwe Schneidewind re:publica

Um diese Fragen zu beantworten mangelt es uns nicht an wissenschaftlicher Erkenntnis über die Zusammenhänge zwischen unserer Lebens- und Wirtschaftsweise und der Klimakrise.

Noch nie hatten wir derartige Möglichkeiten, mit den uns zur Verfügung stehenden Technologien den zentralen globalen Herausforderungen – Klimakrise, Verlust an Artenvielfalt, Ressourcenverbrauch oder Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung – wirksam zu begegnen.

Es mangelt uns auch nicht an finanziellen Möglichkeiten: dass effektiver Klimaschutz sich auch volkswirtschaftlich rechnet und allemal deutlich weniger kostet als mit den Folgen einer unkontrollierten Erderhitzung umgehen zu müssen, ist längst belegt. Und es mangelt uns nicht an den technischen Möglichkeiten – schon mit dem aktuellen Stand der Technik wäre sehr viel möglich, und noch viel mehr ist in der Pipeline. Woran hapert es dann? Worin liegen die konkreten Herausforderungen? Welche Hebel könnten was bewirken und welche Akteure müssten welche konstruktive Rolle einnehmen?

 

re:publica und Entwicklung einer umweltpolitischen Digitalagenda

Um in der Debatte zu diesen Fragen weiter zu kommen und diese Fragen nachdrücklich nicht nur auf die Agenda der Politik, sondern auch ins Bewusstsein der Digitalaktivisten zu bekommen, habe ich auf der re:publica 2019 zusammen mit Prof. Uwe Schneidewind (Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer des renommierten Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH) eine vielbeachtete Session abgehalten, deren Aufzeichnung unten verlinkt ist. Uwe hat das WBGU-Gutachten mitverfasst und zudem ein wegweisendes Buch dazu veröffentlicht, wie Digitalisierung und Nachhaltige Entwicklung zusammengehen.

Das nur einen Tag nach der Session von der Bundesumweltministerin veröffentlichte Eckpunktepapier für eine umweltpolitische Digitalagenda hat erneut gezeigt, dass die Bundesregierung hier über Ideen und Projekte in der Breite nicht vorankommt und es dringend weitergehende Konzepte braucht. Ich bleibe am Thema dran und wir arbeiten als GRÜNE Fraktion derzeit an einem Antrag, der zeigen wird, was hier zu tun ist.

 

Ganze Session ansehen: