Mit dem Rad über Rot? Legalisieren! Mein Gastbeitrag in der "Aktiv Radfahren" pünktlich zum Pilotversuch

Jeder kennt diese Situation, jeden nervt sie: Die Ampel steht auf Rot und man ist – ob zu Fuß oder mit dem Rad – allein auf weiter Flur. Und wartet. Ampeln stiften Ordnung, aber nicht immer Sinn. Notwendig wurden sie erst, seitdem oft tonnenschwere Fahrzeuge auf unseren Straßen sind, innerorts häufig mit Tempo 50 bis 60.

Fußgänger oder Fahrradfahrer bewegen sich langsamer und vor allem ungeschützt durch den Straßenverkehr. Missachten sie eine Ampel, gefährden sie in erster Linie sich selbst. Und wenn Dritte doch einmal zu Schaden kommen, sind schwere Verletzungen sehr viel seltener. Zu Verkehrstoten kommt es hier so gut wie nie. Diese unterschiedliche Gefährlichkeit erlaubt es, schwächeren Verkehrsteilnehmer wieder mehr Eigenverantwortung zu geben, auch an Ampeln

So hat ausgerechnet der konservative US-Bundesstaat Idaho schon in den 1980er Jahren die Rotpflicht für Radfahrer abgeschafft. Dort haben Ampeln für Radler nur die Bedeutung eines Stoppschilds. Klingt gefährlich? Tatsächlich ist die Zahl der Unfälle sogar gesunken!

„Das liegt sicher an der dünnen Besiedlung“, mögen Kritiker einwenden, „bei uns würde das zum Verkehrschaos führen“. Doch seit 2012 gibt es in Paris – der dichtbevölkertesten Stadt Europas – rund 2000 Vorfahrtsschilder mit Radsymbol und Richtungspfeil. Hier dürfen Radler die Ampel ignorieren. Belgien hat das kopiert. In den Niederlanden, bekannt für den hohen Radverkehrsanteil, gibt es einen Grünpfeil nur für Radler, der ihnen bereits seit 1990 das Rechtsabbiegen bei Rot erlaubt. Ebenso in Dänemark und Basel, und auch in Berlin, München und Wiesbaden laufen die ersten Pilotprojekte. Mit großer Sicherheit werden sie die Studien von anderswo bestätigen: weniger Unfälle, weniger Konflikte mit Autos, gute Akzeptanz bei den Fußgängern, besserer Verkehrsfluss.

Klar ist: Rücksichtnahme ist hier der Schlüssel. Aus der roten Ampel wird keine grüne Ampel, sondern ein striktes „Vorfahrt beachten“, das insbesondere gegenüber Fußgängern gilt. Gefährdungen anderer müssen selbstverständlich entsprechend geahndet werden. Das wäre auch gut vermittelbar – ganz im Gegensatz zu Polizisten, die bei Rot fahrenden Radlern hinter Bäumen auflauern um ihnen 100 Euro Strafe und einen Punkt aufzudrücken, obwohl sie niemanden gefährdet haben.

Ist das jetzt Lobbypolitik nur für Radfahrer? Keineswegs. Sogar Autofahrer profitieren, wenn sich an der Ampel weniger Radler tummeln. Und ganz gleich, wie man sich fortbewegt: Mehr Radverkehr bedeutet weniger Lärm und schwere Unfälle, sauberere Luft und aktiver Klimaschutz. Das nutzt allen!

Dem Radverkehr gehört die Zukunft. Daher brauchen wir dringend eine Ausbauoffensive für attraktive Radwege. Aber das ist nicht genug. Die Städte brauchen ein Verkehrsschild nach französischem Vorbild, mit dem sie vor Ort entscheiden können, wo in Zukunft über Rot geradelt werden darf, solange die Vorfahrt beachtet wird. Kaum Kosten, dafür mehr Sicherheit, Verkehrsfluss und Fahrradfreundlichkeit!

 

Anmerkung 14.02.2019:

Dieser Text erscheint als Gastbeitrag in der aktuellen Ausgabe (3/2019) von “aktiv Radfahren” – just wenn die ersten Ampeln in München für einen Pilotversuch mit “Grünpfeilen für Radfahrer” ausgerüstet werden.

Das Bundesverkehrsministerium orientiert sich hierbei an den Grünpfeilen für den allgemeinen Verkehr und verlangt, dass Ampeln mit Radfahrer-Grünpfeil wie ein Stopp-Schild behandelt werden. Das ist eine Radfahrer-unfreundliche Gängelung, für die nach den Erfahrungen anderer Länder überflüssig ist. Überhaupt stellt sich die Frage, warum denn eine bereits zahlreich getestete und für erfolgreich befundene Lösung wieder über einen Pilotversuch erst auf die lange Bank geschoben werden muss? Einfach mal machen!