Südafrika – viele Hoffnungen, manche Sorgen Digitalisierung, KleinstunternehmerInnen, nachhaltige Forstwirtschaft - meine Eindrücke aus Südafrika

Afrika taucht in unseren Medien meist als Armutskontinent auf, als Kontinent voller Hoffnungslosigkeit, Elend und Gewalt. Armut, Gewalt und Hoffnungslosigkeit existieren natürlich auf diesem riesigem Kontinent, aber auch Hoffnung, Aufbruch, wirtschaftliche Dynamik – die Wirklichkeit ist vielschichtiger als das mediale Bild. Bei zwei Afrikareisen 2019 kann ich mir einen tieferen Einblick verschaffen. Zum Jahreswechsel führte mich eine Reise nach Südafrika, im Februar werde ich mit einer Delegation des Wirtschaftsausschusses nach Angola und Botsuana reisen.

Südafrika hat den stärksten Wirtschaftsraum Afrikas und ist ein Magnet für Touristen weltweit. Dennoch liegt es im internationalen Vergleich des Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index) im Mittelfeld auf Platz 116, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 50 Prozent. Die Folgen der Apartheit sind immer noch spürbar, gerade bei der Verteilung von Grundbesitz und Wohlstand. Die Kriminalitätsrate gehört zu den höchsten der Welt, Armut, Wasserknappheit und sozialen Missständen prägen weite Landstriche. Ein Land voller Gegensätze.

Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Botschaft in Südafrika, der Heinrich Böll Stiftung und etwas Eigeninitiative habe ich versucht, mir auf meiner Reise ein, so gut es geht, umfassendes Bild von Südafrika zu machen. Dabei waren für mich als Grüner die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen maßgebender Hintergrund und als Wirtschaftspolitiker die Stärkung von Rechtssicherheit, von Mittelstand und Klein- und Kleinstunternehmen, die oftmals von Frauen geführt werden, ein besonderes Anliegen. Außerdem wollte ich als Digitalpolitiker mehr über die Chancen einer nachhaltigen Entwicklung durch die Digitalisierung des Kontinents Afrika erfahren.

Südafrika braucht Rechtssicherheit und Gründerkredite für Kleinstunternehmen und Mittelstand

Über Jahrzehnte hat der Bergbau (Diamanten, Gold, Kohle, etc.) die Wirtschaft am Kap dominiert. Profitiert hat die breite Masse kaum – im Gegenteil, in keinem Land der Welt ist die soziale Ungleichheit so hoch wie in Südafrika. Bei  einem Besuch bei der Handelskammer in Johannesburg (JCCI) wurde entsprechend deutlich, wie dringend eine bessere Förderung von Kleinstunternehmen und Mittelstand notwendig wäre, um insbesondere die vielen tausend Frauen, die sich als Unternehmerinnen dem täglichen Überlebenskampf stellen, zu unterstützen. 

Der Aufbau von Rechtssicherheit, Gründerkredite für nachhaltige Unternehmen, bessere Ausbildung und Frauenförderung – das sind ganz konkrete Ansatzpunkte für eine verstärkte Kooperation zwischen Deutschland und Südafrika, um das große Potenzial des Landes von den Erneuerbaren Energien über das Kunsthandwerk, die boomende Tourismusindustrie bis hin zu Design und innovativeren Textilien zu fördern.

Deutschland sollte durch gezielte Investitionen in Infrastrukturprojekte die Lebensbedingungen in den Armengegenden verbessern

Schätzungen zufolge leben mehr als 2 Millionen Menschen im Township Soweto vor den Toren Johannesburgs, 50 % von ihnen sind arbeitslos. In diesem Vorort sind die beiden Nobelpreisträger Nelson Mandela und Desmond Tutu aufgewachsen. Soweto war die Keimzelle des Widerstands gegen die Apartheid. Trotz aller sozialen Probleme und mangelnder Infrastruktur erlebt man in Sowetos Straßen ein großes Miteinander. Dort traf ich Ntsiki Mdlankomo, die in Soweto geboren und aufgewachsen ist, bevor sie 20 Jahre in Deutschland lebte und nun für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Johannesburg arbeitet. Ich durfte gemeinsam mit ihr einen ganzen Tag lang Soweto hautnah erleben.

Besonders beeindruckend, aber auch bedrückend war unser Besuch in einem der ärmsten Teile Sowetos, in Kliptown. Hier hat der African National Congress 1955 den Volkskongress veranstaltet, aus dem die Freiheitscharta hervorging, die die Grundlage für den Kampf gegen die Apartheid bildete. In Kliptown waren wir zu Gast bei einer 26-köpfigen Familie, die zusammen in vier Generationen auf ca. 30 m2 lebt.

Verbesserung der städtischen Infrastruktur als Gewaltprävention

Townships sind nicht auf die Umgebung von Johannesburg begrenzt. Bei Kapstadt besuchte ich Khayetisha, wo rund 400.000 Menschen leben. Historisch gegründet wurden die Townships in Zeiten der Apartheid als Arbeitersiedlungen; rassisch getrennt für Schwarze und Farbige entlang der von der weißen Minderheit verwalteten Minen- und Industriestandorte.

Chris Giles vom Projekt „Violence Prevention through Urban Upgrading (VPUU)“ arbeitet seit Jahren durch gezielte Investitionen und Gemeinschaftsbildung an der Verbesserung der Lebensbedingungen in den Townships (gefördert u.a. vom BMZ). Khayetisha gilt als Erfolgsprojekt für die Region. Um die oft bedrückende Enge aus den Townships zu nehmen, wurden breitere Straßen angelegt und der Zugang zu Sanitäranlagen, Elektrizität und Wasser wird sukzessive ausgeweitet. Mit digitalen Instrumenten wurde eine Registrierung der Bewohner vorgenommen – auf freiwilliger Basis. Anhand dieser Daten können regelmäßige Fortschritte (sanitäre Anlagen, Gesundheitsdienste etc.) dokumentiert werden.
Zu den VPUU-Projekten gehören u.a. ein Zentrum für Kinderbetreuung, ein eigener Marktplatz und ein gemeinschaftlich bewirtschafteter Garten. Die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls der Community ist der Grundgedanke des ganzen Projekts.

Die Bundesregierung muss ihre Strategie zur nachhaltigen Digitalisierung in Afrika mit Leben füllen

Bei einem Besuch von Zailab, einem Unternehmen für cloud-basierte Kontaktcenter, fasste Nour Addines, CEO von Zailab, meine Eindrücke aus den Townships noch einmal treffend zusammen: „Alle Menschen in den Townships sind unter diesen harten Lebensbedingungen letztlich jeden Tag Social Entrepreneurs. Viel besser und kreativer als du und ich. Wir müssen Ihnen nur endlich die Chance geben sich zu verwirklichen.“ Eine gute mobile Internetversorgung vor Ort wäre da schon einmal ein entscheidender Schritt. Den Zugang zu Daten und hoher Bandbreite für die breite Masse erschwinglich zu machen sollte dabei im Fokus stehen. Die Bundesregierung hat eine Strategie zur nachhaltigen Digitalisierung in Afrika, nun liegt es an ihr diese Strategie auch mit Leben zu füllen.

Es geht darum die Social Entrepreneurs, nicht die Money Maker zu fördern.

Anschließend hatte ich ein Gespräch mit Natalie Miller vom Unternehmen GreenFinges. Ein Unternehmen, das durch Beratung und eine eigene App versucht, Klein- und Kleinstbauern Marktzugang und gute fachliche Praxis zu vermitteln. Eine sehr gute und wichtige Grundidee, gerade die kleinen ländlichen Strukturen zu stärken. Was nach dem Gespräch mir noch nicht ganz schlüssig war ist, ob GreenFingers nun sozial oder doch eher gewinnmaximierend ausgerichtet ist? Fest steht, es sollte besonders im Bereich der schwachen Landbevölkerung darauf geachtet werden, mehr die Social Entrepreneurs als die Money Maker zu unterstützen.

Gegenseitiger Rassismus in den ländlichen Regionen führt zu einem explosiven Gemisch

Die Provinz Free State, die landwirtschaftliche Herzkammer Südafrikas, bietet ein Kontrastprogramm zu den dicht besiedelten Townships. Über 70 % der Agrarprodukte kommen hierher. Fast 50 Jahre lang (von 1854-1902) herrschte hier eine eigenständige Burenrepublik, bis die Briten Südafrika vollständig unter ihre Kontrolle brachten. Die heute zunehmenden Dürren in Folge des Klimawandels führen dazu, dass durch den Wassermangel in dieser ohnehin trockenen Region viele einst fruchtbare Felder nicht mehr bewirtschaftet werden können.

Ich habe mit mehreren durchaus aufgeschlossenen Farmern Gespräche geführt; die Angst vor dem Niedergang war dabei jedoch spürbar. Leider gibt es auch hier weiterhin Ressentiments bis hin zu offenem Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung. Gleichzeitig gießen die  Economic Freedom Fighters (EFF), die 2012 aus dem ANC-Jugendverband hervorgegangen sind und unter ihrem Chef Julius Malema oftmals militant auftreten, zusätzlich Öl ins Feuer. Der EFF, der inzwischen zur drittgrößten Partei Südafrikas aufgestiegen ist, agitiert offen gegen die weiße, aber auch gegen die indisch-stämmige Bevölkerung im Land.

Zu diesem Thema erregte Ende Dezember eine Südafrika-Reise des AfD-Abgeordneten Petr Bystron Aufmerksamkeit, weil er sich mit einer rechtsradikalen Organisation, den „Suidlanders“, zu gemeinsamen Schießübungen getroffen hatte. CNN hat vor kurzem einen sehr lesenwerten Bericht über die White Supremacy-Bewegung in Südafrika veröffentlicht.

Mischwald als Mittel gegen die Klimakrise?

Nicht nur in Kalifornien, sondern auch in Südafrika haben in den letzten Jahren verheerende Waldbrände zahlreiche Menschenleben gefordert, Hab und Gut vernichtet und tausende Quadratkilometer Wald niedergebrannt. Der Grund dafür liegt zum Einen in den zunehmenden Dürren in Folge des Klimawandels, zum Anderen aber auch im Plantagen(un)wesen auf dem afrikanischen Kontinent. Ur- und Mischwälder sind in der Regel auf Reservate beschränkt. Bei den Bränden in und um den Tsitsikamma-Nationalpark kann man für jeden nachvollziehbar erkennen, wie die Brände Plantagenwald aus der schnell wachsenden Monterey-Kiefern oder Eucalyptus restlos niedergebrannt haben, während Misch- und Urwälder weitgehend unversehrt blieben.

Zusammen mit Hans Pretzsch, Professor für Waldwachstumskunde vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan, konnte ich mir vor Ort ein Bild machen. Er koordiniert in einem Forscherteam weltweit Projekte zum Aufbau von Mischwald. Auf einem Hektar Mischwald findet man in Südafrika teils 100 verschiedene Baumarten. Mischwald ist die ideale Kohlenstoffsenke und leistet somit einen großen Beitrag im Kampf gegen die Klimakrise.

Globale Holzkonzerne und der Hunger der ersten Welt auf Papier- und Holzprodukte haben dafür gesorgt, dass die kurzfristige Rendite im Vordergrund steht. Gerade Südafrika könnte im Rahmen der Landübergabe an die ärmeren Schichten Pilotland für nachhaltige Waldbewirtschaftung werden. Wenn man die Rahmenbedingungen so schafft, dass Kommunen z.B. einen Mischwald gemeinschaftlich nachhaltig bewirtschaften, wäre dies gut für die regionale Wertschöpfung und im Kampf gegen die Klimakrise.

Was wird das Wahljahr 2019 für Südafrika bringen?

In einem ausführlichen Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Südafrika Herrn Dr. Martin Schäfer wurde deutlich, dass in der von Korruption und Misswirtschaft geprägten Regierungszeit von Jakob Zuma deutsche und europäische Delegationen Mangelware in Südafrika waren. Seit dem Wechsel 2018 an der Regierungsspitze zu Cyril Ramaphosa ändert sich dies wohl zunehmend. Die anstehenden Parlamentswahlen dieses Jahr werden zeigen, ob das Land wieder auf einen Weg der Stabilität nach Mandelas Vorbild zurückkehrt. Gerade beim Thema Rechtsstaatlichkeit kann Deutschland ein guter Partner für Südafrika sein, das immerhin (dank Mandela) über eine der modernsten und liberalsten Verfassungen der Welt verfügt. Südafrikas Verfassung gründet auf der oppositionellen Freiheitscharta des African National Congress von 1955 und wurde von Mandela unmittelbar nach dem Ende der Apartheid auf den Weg gebracht. So seht Homosexualität in Südafrika, im Gegensatz zu vielen anderen Staaten Afrikas nicht unter Strafe. Doch die tägliche Realität ist eine andere: Sogenannte „Corrective Rapes“ an lesbischen Frauen sind ein grausames Phänomen in der südafrikanischen Gesellschaft.

Unterstützung im Kampf für die Rechte der südafrikanischen Frauen und Fokus auf Rechtsstaatlichkeit sind entsprechend auch die Arbeitsschwerpunkte der Heinrich Böll-Stiftung (HBS) in Südafrika. Die HBS ist seit 1989, seit dem Ende des Apartheitsregimes, als  zivilgesellschaftlicher Akteur im Land aktiv und ist heute verlässlicher Ansprechpartner für politische Bildung und regionaler wie internationaler Vernetzung. Ich habe mich sehr gefreut, dass zum Abschluss meiner Reise noch ein Gespräch mit Layla Al-Zubaidi, der Leiterin der Heinrich Böll-Stiftung in Südafrika zustande kam.

Rundum war meine Reise eine sehr aufschlussreiche und inspirierende Reise. Ich freue mich darauf, zuhause in Deutschland die Dinge anzupacken! Es gibt viel zu tun.

Ich freue mich darauf zuhause in Deutschland die Dinge anzupacken! Es gibt viel zu tun.