Vom Internet der Kopien und Informationen zum Internet der Originale und der Werte Blockchain-Anhörung und Interview mit Prof. Dr. Dr. Walter Blocher

Aktuell stehen Distributed-Ledger-Technologien (DLT) wie Blockchain an einer entscheidenden Schwelle, an der aus einem Nischenthema ein Innovationstreiber von gesellschaftlicher Relevanz entstehen kann. Entsprechend relevant ist aus GRÜNER Sicht die politische Beschäftigung und Gestaltung dieser vielversprechenden Technologie.

Dabei ist der Hype um Bitcoin zwar etwas abgeklungen und hat der Technologie leider auch einen gewissen Stempel aufgedrückt, aber Blockchain bzw. DLT gelten neben Künstlicher Intelligenz immer noch als vielversprechende Basistechnologie und der Bereich zieht nach wie vor eine Menge Investitionen an. Und das obwohl viele Probleme der Technologie nicht gelöst sind, insbesondere in Zusammenhang mit dem Konsensmechanismus Proof-of-Work, begrenzten Transaktionsraten, hohem Speicherbedarf und fehlender Koordinierung bei der Weiterentwicklung.

Die Bundesregierung ist hier bisher blass bis blank: Eine umfassende Blockchain-Strategie ist zwar für Mitte 2019 angekündigt, was darin stehen soll ist aber bis heute völlig unklar.

Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / DIE GRÜNEN will sich damit nicht zufrieden geben und hat nach einer Kleinen Anfrage und dazu nicht besonders ermutigenden Antworten der Bundesregierung verschiedene weitere Arbeitsschritte angestoßen. Dazu gehörte – neben vielen Hintergrundgesprächen mit Wissenschaftlern und Startups – das öffentliche Fachgespräch „Was kann Blockchain? – Wirtschaftliche Potentiale und Anwendungsfelder“ Ende November und eine intensive Auseinandersetzung anlässlich der auch in der Mediathek des Bundestags hinterlegten öffentlichen Anhörung im Ausschuss Digitale Agenda im Bundestag.

Dabei ist es aus GRÜNER Sicht besonders spannend und für die gesellschaftliche Debatte lohnend, über Möglichkeiten für den Einsatz der Technologien nachzudenken, die über die bisher meist diskutierten Anwendungen hinausgehen und dabei zu helfen, Potentiale zu heben, wie die Technologie auch zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme beitragen kann.

Im Umfeld der Bundestagsanhörung haben wir dazu auch ein Kurzinterview mit Prof. Dr. Dr. Walter Blocher geführt, einem der hier relevantesten Forscher im deutschen Sprachraum, den wir als Sachverständigen für die Anhörung gewinnen konnten. Hier weiterführend und sehr aufschlussreich ist dazu auch die vollständige schriftliche Stellungnahme von Prof. Blocher zu den gemeinschaftlich vom ganzen Ausschuss eingereichten Fragen:

Kurzinterview mit Prof. Dr. Dr. Walter Blocher

Herr Prof. Blocher, Sie schreiben in Ihrer Stellungnahme unter anderem „Industrie 4.0 und IoT sind ohne Blockchain-Fundament kaum denkbar“. Könnten Sie das noch etwas ausführen, da gerade in den Bereichen Industrie 4.0 und IoT ja viele Hoffnungen für die Zukunft der Deutschen Wirtschaft liegen? Die Bundesregierung hat hier allerdings bisher weder im Bereich Anwendungsforschung oder Prototyping, noch im Bereich Regulierung, Normierung oder Anreizsetzung und Ökosystem-Aufbau etwas vorzuweisen, wir sind also denkbar schlecht, auch im internationalen Vergleich, auf diese neue Basis- und Infrastrukturtechnologie vorbereitet.

Prof. Blocher: Immerhin hat die Vorgängerin der jetzigen Bundesregierung den Begriff „Industrie 4.0“ geprägt! Aber im Ernst: Sowohl dabei als auch beim Internet der Dinge geht es um hochgradige Vernetzung von Maschinen und anderen Geräten. Vor allem wenn diese Vernetzung Unternehmensgrenzen überschreitet, haben wir es mit Interessen einer Vielzahl heterogener Akteure zu tun. Die zwischen den Geräten fließenden Datenströme müssen also verlässlich dokumentiert werden, ohne dass dies alleine auf den Servern eines der Akteure gesehen kann. Das ist nicht nur für Zwecke der Abrechnung unabdingbar, sondern etwa auch für Beweisfragen im Schadensfall. Für derartige Anwendungen bieten sich Blockchain-Lösungen als gewissermaßen „neutraler“ Layer geradezu an, weil darauf keiner der Beteiligten Daten fälschen oder unterdrücken kann.

Dazu vielleicht ein ganz simples aber unmittelbar einleuchtendes Beispiel: Der Flugschreiber, die sog. „Black Box“, ist der letzte, unbestechliche Zeuge im Fall eines Flugzeugsabsturzes. Doch was nützt er, wenn er unzugänglich Tausende Meter tief auf dem Meeresgrund liegt oder gar – wie beim bis heute nicht aufgeklärten Verschwinden des Fluges MH370 – überhaupt nicht aufgefunden wird? Im Zeitalter der digitalen Transformation gehören die Flugdaten per Funk unveränderlich aber im Fall des Falls jederzeit nachvollziehbar auf eine Blockchain.

Das ist sehr anschaulich. Aber Sie gehen in Ihrer Stellungnahme ja noch viel weiter, wenn es um die Bedeutung von DLT/Blockchain als neue Infrastruktur des Datenaustauschs geht. Für Sie sind insbesondere öffentlich-genehmigungsfreie Blockchains die eigentlichen „Game Changer“, die dem bisherigen „Internet der Kopien und Informationen“ nun ein „Internet der Originale und der Werte“ zur Seite stellen können. Und sie stellen klar heraus, welche ökologische und soziale Innovation so möglich werden könnten, welche Versprechungen hier im Raum stehen. Könnten Sie hier vielleicht ein paar Beispiele nennen, die diese Potentiale anschaulich machen?

Prof. Blocher: Solche Beispiele nenne ich sehr gerne: So können etwa bislang allenfalls durch das Vertrauen in Gütesiegel für VerbraucherInnen einigermaßen nachvollziehbare Aussagen über fair gehandelte Produkte auf jedem Punkt der Wertschöpfungskette bis hin zum Farmer oder der einzelnen Landarbeiterin nachprüfbar machen. Menschen aus Ländern der vierten Welt, die wir neudeutsch als „underbanked“ oder „unbanked“ bezeichnen, lassen sie nach dem Motto „be your own bank“ endlich auch an den Segnungen und nicht nur an den Herausforderungen der globalisierten Wirtschaft teilhaben.

Mit Blockchain-gestützten Methoden der Transparenz ließe sich dort die Korruption bekämpfen, durch grundbuchartige Landregister das Ergebnis oft lebenslanger harter Arbeit eindeutig den Berechtigten zuordnen und durch digitale Wahlsysteme eine Grundvoraussetzung für demokratische Strukturen schaffen. Freilich ist zu erwarten, dass die derzeitigen Machthaber dem nicht tatenlos zusehen werden. DLT/Blockchain-Technologie könnte es ihnen aber bedeutend schwerer machen, die derzeitigen Zustände aufrechtzuhalten.

Schon unter diesem Aspekt sollten gefestigte demokratische Rechtsstaaten wie die Bundesrepublik Deutschland öffentlich-genehmigungsfreien Blockchains tendenziell mit Wohlwollen begegnen, statt ihre Anwendung und Fortentwicklung auf der Grundlage zu kurz greifender Argumente zu erschweren.

Mit dem hier von Ihnen in den Fokus gerückten öffentlich-genehmigungsfreien Blockchains geht andererseits der aus energetischer Sicht ja stark kritisierte Konsensmechanismus Proof-of-Work einher. Insbesondere in den USA wird daher zunehmend auch auf andere Konsensmechanismen wie Proof-of-Stake oder Proof-of-Authority gesetzt, die in Deutschland noch keine Rolle zu spielen scheinen. Wie beurteilen Sie hier die weitere Entwicklung und die Eignung, bzw. die Vor- und Nachteile der verschiedenen Konsensverfahren für verschiedene Anwendungsfelder?

Die genannten Konsensmechanismen sind für bestimmte konsortiale Blockchains zweifellos gut geeignet. Dagegen konnte dies bislang nicht für die großartige Innovation der öffentlich-erlaubnisfreien Blockchains gezeigt werden. Und ich kann mir für diese bis auf weiteres auch keinen ebenbürtigen Ersatz für „Proof-of-Work“ vorstellen.

Die Ursache für das Problem, das viele mit der angeblichen Energieverschwendung haben, ist vor allem auf der mentalen Ebene zu suchen. Es fällt schwer zu verstehen, wofür große Energiemengen benötigt werden, wenn dabei doch nichts unmittelbar Sichtbares erzeugt wird. Das Erzeugnis ist aber das geniale, unfälschbare Verzeichnis.

Im Übrigen wird der Energieverbrauch keineswegs unkontrolliert über alle Grenzen hinaus wachsen. Er steht in einem starken Zusammenhang mit dem Kurs des jeweiligen Protokoll-Tokens, etwa Bitcoin. Die Miners müssen die von ihnen eingesetzt Energie nämlich damit bezahlen. Daher wird stets maximal so viel Energie verbraucht, wie es dem Wert entspricht, den die jeweilige Blockchain in der Erwartung der jeweiligen Fachkreise für die Gesellschaft hat. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Ressourcenverzehr der klassischen Industrieproduktion, wobei die Verhältnisse dort wegen zahlreicher Externalitäten bedeutend komplexer sind als beim Stromverbrauch einer Blockchain.


Zur Person:

Prof. Dr. Dr. Walter Blocher ist promovierter Jurist und Wirtschaftsinformatiker und seit 2006 Leiter des Fachgebiets Bürgerliches Recht, Unternehmensrecht und Informationsrecht am Institut für Wirtschaftsrecht der Universität Kassel, wo er als Initiator und Sprecher der DLT-Forschungsgruppe das Blockchain-Center.eu mitgründete.

Er arbeitet in den Bereichen Informationsrecht, Urheberrecht in der Informationsgesellschaft, Rechtsfragen des elektronischen Geschäftsverkehrs, rechtliche Rahmenbedingungen für verbraucherfreundliche Technikgestaltung und DLT und ist Contributing Editor und Reviewer des The Journal of the British Blockchain Association.

Er ist Lehrbeauftragter für E-Commerce-Recht an der Universität Wien, Mitglied des Vorstands der DGRI (Deutsche Gesellschaft für Recht und Informatik e.V.), des Beirats für Digitale Transformation der AOK Nordost und des Beirats des Blockchain-Unternehmens Metamorphoses GmbH, München.