Autofrei leben – wie wir die Mobilität in unsere Städten in 10 Jahren revolutionieren Ein Gastbeitrag in der Huffington Post

Ein Freitagnachmittag in München, Anfang November: Der Autoverkehr in der Innenstadt ist kollabiert, nichts geht mehr voran. Was ist passiert, ein Unfall, die Ampeln ausgefallen? Nein, ganz banal: „Es waren wohl einfach zu viele Fahrzeuge unterwegs.“, schreibt die Polizei auf Twitter.

Besser könnte man wohl die Problematik der Mobilität in unseren Städten nicht zusammenfassen. Das Bedürfnis der Menschen nach Mobilität wird immer größer, die Bevölkerung in den Ballungsräumen nimmt zu, die Städte sind fürs Auto geplant – aber der Platz wächst nicht mit, und in die Infrastruktur für die öffentlichen Verkehrsmittel wurde jahrzehntelange nicht investiert.

Die Folgen sind offensichtlich. Die Busse und Bahnen unpünktlich und an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt – oder schon darüber hinaus. Das Auto steckt im Dauerstau. Fahrradfahrer drängen sich bestenfalls auf zu schmalen Radwegen, viel zu häufig sind sie stattdessen dicht umgeben von tonnenschweren Gefährten. Daneben sollen Fußgänger irgendwo noch ihren Platz finden, und gelingt das nicht, drohen schwerste Verletzungen mit lebenslangen Folgen. Täglich verlieren rund zehn Menschen allein in Deutschland ihr Leben durch Kollisionen im Verkehr – hinzu kommen hunderttausende durch Abgase und Lärm Geschädigte. Und nicht zuletzt ist der Verkehr auch der Sektor, wo seit 1990 nicht weniger, sondern sogar mehr klimaschädliches CO2 emittiert wird. So geht das nicht weiter.

Unsere Städte sind Gefangene der Vergangenheit, als das Leitbild der Städteplaner die „autogerechte Stadt“ war – nur dank bürgerschaftlichen Widerstands konnten die schlimmsten Auswüchse wie zehnspurige Autobahnen mitten durch die Innenstädte verhindert werden. Es ist höchste Zeit, dass wir uns von dieser Vergangenheit befreien!

Wie wäre es mit einem neuen Leitbild unter dem Motto „autofrei leben“? Denn seien wir mal ehrlich: Parken ist oft nur noch möglich, wenn man rücksichtslos in Kreuzungen, auf Gehwegen und auf Radfahrspuren steht – oder eben lange Fußwege zum Parkplatz in Kauf nimmt. Und ob ich nun im eigenen Fiat oder Benz im Stau sitze – es bleibt Stau. Noch mehr Parkplätze, noch mehr Autospuren? Dafür fehlt uns schlicht der Platz. Oberstes Ziel muss stattdessen sein, dass jede und jeder in unserer Gesellschaft mobil ist, ob arm oder reich, fit oder gebrechlich, minderjährig oder schon im hohen Alter. Gleichzeitig senken wir so den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid und machen die Luft in unseren Städten wieder sauber, schaffen lebenswerte Innenstädte und machen die „Vision Zero“ wahr – null Verkehrstote pro Jahr.

 Schon heute werden in einer Großstadt wie München nur noch 34 Prozent der Wege mit dem Auto oder Motorrad zurückgelegt, der Rest erfolgt per Rad, zu Fuß oder mit den Öffentlichen. Und trotzdem genügt der Blick in eine typische Straße, um zu erkennen, dass rund vier Fünftel der verfügbaren Fläche von Autospuren und Parkplätzen in Anspruch genommen wird. Im Gegensatz zum Bau von U-Bahnen und Straßenbahnen ist die Neuverteilung des Straßenraums die Maßnahme, die sich am schnellsten und kostengünstigsten umsetzen lässt – und auf eine andere Infrastruktur folgt ein anderes Verkehrsverhalten.

Die begrenzte Kapazität von Hauptverkehrsstraßen ist viel zu kostbar, um sie mit Parkraum zu verschwenden. Hier brauchen wir breite Fahrradwege, die das sichere Überholen ermöglichen, auch von Lastenfahrrädern und Kinderanhängern. Ist dann noch Platz übrig, sollten Spuren für den motorisierten, aber umweltfreundlichen Verkehr eingerichtet werden: Für Busse, die dadurch schneller und pünktlicher werden – aber warum diese Spuren nicht für emissionsfreie Autos und Fahrzeuge mit mehr als zwei oder drei Insassen freigeben? So geben wir E-Autos, die immer noch nur 0,1 Prozent des Bestands ausmachen, ebenso wie Fahrgemeinschaften einen Geschwindigkeitsboost!

Neben einem zusammenhängenden Netz aus sicheren Fahrradwegen sind es solche Konzepte des Sharings und der Vernetzung, die jetzt schon gelebte Zukunft sind. Doch das Potential der Digitalisierung ist noch längst nicht ausgeschöpft. Als Grüne haben wir den MobilPass vorgeschlagen, um die unterschiedlichsten Sharing- und Mobilitätsangebote in einer Plattform zu vereinen. Eine offene Schnittstelle ermöglicht es allen derzeitigen und künftigen Mobilitätsanbietern, den Verbraucherinnen und Verbrauchern optimal angepasste Verbindungen anzubieten und auch den Bezahlvorgang ohne zig Registrierungen, Logins und Abos bequem abzuschließen. Mit Ridesharing zum Pendlerbahnhof, weiter mit dem Regionalzug und der Tram, die letzte Meile mit dem Leihrad: Die Mobilitätskette ist in zehn Jahren ein Kinderspiel.

Der bisher noch unbekannteste Faktor der Mobilität der Zukunft ist das autonome Fahren. Nicht nur PKW, auch Busse und Züge können fahrerlos fahren. Mit autonomen Fahrzeugen kann der Verkehr nicht nur effizienter werden, er kann auch fahruntüchtigen Menschen oder solchen ohne Führerschein mehr Mobilität zurückgeben und gleichzeitig den Verkehr sicherer und geordneter machen: Autonome Autos werden sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen und rote Ampeln halten, sie werden Radfahrer mit ausreichend Abstand überholen und nicht betrunken fahren. Erste Teillösungen wie etwa Abbiege-Assistenten für LKWs, die entsetzliche Kollisionen mit Fußgängern und Radfahrerinnen verhindern, könnten schon längst Standard auf deutschen Städten sein, wenn das Verkehrsministerium sich nicht weiter einer verpflichtenden Einführung widersetzen würde.

Denkbar ist aber auch eine Revolution, die ihre Kinder frisst: Autonome Autos verstopften mit Leerfahrten nach dem Abliefern ihres Fahrgasts die Straßen zusätzlich, die freie Bewegung von Menschen, die lieber zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs sind, wird eingeschränkt – durch Gitter zur Fahrbahn, durch verpflichtend zu tragende Funksender, durch Umwege statt direkter Wege. So darf es nicht kommen.

Mobilität der Zukunft, das muss bedeuten: Die Lebensqualität unserer Städte erhalten und verbessern. Das autonome Fahren wird in der Stadt der Zukunft nur seinen Platz haben, wenn wir die Dominanz des Autos in den Städten zurückdrängen, wenn wir den Raum, der heutzutage von fahrenden und parkenden Autos blockiert wird, drastisch reduzieren und neue Freiräume für Bus, Bahn und smartgesteuerte Rufbusse, für Fußverkehr und Fahrräder schaffen. Nur dann werden autonomes Fahren und die Digitalisierung zu einem Game Changer im positiven Sinn. Jetzt gilt es: Aufwachen, Deutschland, bevor wir die Verkehrswende verschlafen!

Erschienen am 12.11.2018 als Gastbeitrag auf hufftingtonpost.de.