Wie Politik Social Entrepreneurs unterstützen kann Gastbeitrag auf Thomson Reuters Foundation News vom 4. Oktober 2018

Dieser Beitrag ist am 4. Oktober 2018 in etwas gekürzter Fassung auf englisch bei Thomson Reuters Foundation News erschienen. 

Bevor wir über Social Entrepreneurs reden, müssen wir darüber reden, in welcher Situation sich der Erdball und die Menschheit derzeit befinden. Ich neige eigentlich nicht zu Weltuntergangsrufen, aber wir müssen heute, im Jahr 2018, feststellen, dass wir eher fünf nach zwölf, nicht fünf vor zwölf haben. Die Klimakrise ist bereits spürbar, von einem entschiedenen Eintreten für Klimaschutz ist leider wenig zu spüren. Im Weißen Haus sitzt ein Klimaleugner, die ehemalige Klimakanzlerin Angela Merkel und ihre Regierung zaudert, Deutschland wird krachend die Klimaziele für 2020 verfehlen. Auch in anderen Feldern, beim Biodiversitätsverlust, der Vermüllung der Ozeane, der Übernutzung unserer landwirtschaftlichen Nutzflächen oder auch bei der Ernährungslage in vielen Ländern des globalen Südens ist die Lage alles andere als gut. Hoffnungslos ist die Lage aber nicht! Aufgeben zählt nicht! Im Gegenteil, auch wenn die Probleme und Herausforderungen groß sind, wir hatten auch noch so viele Chancen, so viele Möglichkeiten an der Hand, etwas zu ändern. Noch nie war das Wissen der Menschheit so groß, noch nie hatten wir so viele spannende Technologien zur Hand. Wir können heute beispielsweise Energie erzeugen, ohne das Klima zu belasten, unsere Häuser so bauen, dass sie mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Wir können mit erneuerbarem Strom Autos antreiben, müssen Autos nicht mehr besitzen, sondern können sie teilen, genauso wie Fahrräder oder Elektroroller, können Lebensmittel, die sonst im Abfall landen würden, retten und per App denen zur Verfügung stellen, die sie brauchen, können die Arbeit von Ehrenamtlichen digital organisieren – in meinem Wahlkreis in München, wo 2015 zehntausende Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern innerhalb kurzer Zeit angekommen sind, hat das beispielsweise in beeindruckender Art und Weise funktioniert. Wir erleben nicht nur rasante technische Innovationen, sondern auch rasante soziale Innovationen, Veränderungen in jahrzehntelang geübten Mobilitäts- und Konsummuster zum Beispiel.

Nicht jede dieser Veränderungen hat etwas mit Social Entrepreneurs zu tun, Social Entrepreneurs sind aber entscheidende Akteure, um quasi von unten für eine Vielzahl von Problemen und Herausforderungen neuartige oder kreative Lösungsansätze zu finden. Oftmals hilft dabei digitale Technologie, aber nicht alles, was neu und kreativ ist, muss zwangsläufig auch digital sein. Laut Europäischer Kommission steckt hinter jeder vierten Gründung in Europa ein Sozialunternehmen. Aus der Sicht ökologisch und sozial orientierter Politik ist das eine sehr ermunternde Nachricht.  Social Entrepreneurs alleine retten nicht die Welt und werden nicht alleine in der Lage sein, den Klimawandel  aufzuhalten, könnten aber ganz entscheidende Akteure sein, die dabei helfen, unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft sozial und ökologisch zu modernisieren. Natürlich müssen auch die klassischen Wirtschaftsakteure, die großen Konzerne, der traditionelle Mittelstand oder gewinnorientierte Startups ihren Anteil am Wandel leisten. Social Entrepreneure sind aber auch gerade deshalb entscheidend, weil sie für einen Kulturwandel in der Wirtschaft stehen.  Sie zeigen, dass man soziale oder ökologische Herausforderungen unternehmerisch bearbeiten und auch lösen kann – gerade große Unternehmen, die vielleicht manchmal unter festgefahrenen Strukturen leiden und an überholten Geschäftsmodellen festhalten, könnten hier viel lernen.

Was muss aber nun die Politik tun, um Social Entrepreneurs zu fördern, um soziale Gründungen anzureizen? Im Gegensatz zu den meisten Gründungen, die aus rein wirtschaftlichen Zwecken gegründet werden, also maximale Gewinnerzielung zur Absicht haben, steht ja bei Social Entrepreneurs der Zweck der Unternehmensgründung im Fokus: durch ihr Unternehmen soll ein gesellschaftlicher Mehrwert geschaffen werden – Gewinnmaximierung gehört also nicht zum Kerngeschäft. So haben sie nicht lediglich eine Abteilung, die sich mit CSR und anderen Aktivitäten beschäftigt. Sie wurden vielmehr gegründet, um sich auf unternehmerische Art und Weise mit den Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen auseinanderzusetzen. Social Entrepreneurs brauchen also oftmals auch andere Rahmenbedingungen als andere Unternehmen.

Die Förderung von Social Entrepreneurs ist in unterschiedlichen europäischen Ländern unterschiedlich ausgeprägt. In Großbritannien gibt es beispielsweise steuerliche Vorteile für Social Entrepreneurs, eine finanzkräftige Stiftung wie die Nesta Foundation arbeitet dort zusammen mit Social Entrepreneurs als Partnern daran, technische Innovationen für das Gemeinwohl nutzbar zu machen. Deutschland hat hingegen als eines der wenigen Länder in der EU noch nicht einmal eine offizielle Definition für Social Entrepreneurship. Und auch der Blick auf den aktuellen Koalitionsvertrag zwischen den Regierungsparteien CDU, CSU und SPD liefert keine handfesten Ergebnisse: es wird lediglich davon gesprochen, dass es eine stärkere Förderung für Social Startups geben soll. Ab wann damit zu rechnen ist und mit welchen Mitteln dies geschehen soll, findet sich dort allerdings nicht. Dabei sind gerade Unternehmen im sozialen Sektor in der Anfangsphase auf Förderungen angewiesen. Ihr Produkt, der gesellschaftliche Mehrwert, ist ein öffentliches Gut und ihre Zielgruppe setzt sich meist aus Menschen zusammen, die sich das Produkt mit finanziellen Mitteln eigentlich nicht leisten können. Daher sind für Unternehmen in diesem Bereich nur schwierig monetäre Gewinne zu erzielen. Die grüne Bundestagsfraktion setzt sich deshalb dafür ein, die Gründungs- und Anschlussfinanzierung für Social Startups  zu verbessern, die Rahmenbedingungen unbürokratischer auszugestalten und dem Thema Social Entrepreneurship eine klare Zuständigkeit mit einer koordinierten Strategie im Bundeswirtschaftsministerium zu geben.

Aber gerade die nichtprofitorientierte Ausrichtung der Unternehmen im sozialen Bereich macht es für GründerInnen schwer, geeignete Förderungen zu finden. Anders als in der freien Wirtschaft gibt es kaum Formen von Wagniskapital-Ansätzen für die experimentelle und beratungsintensive Anfangsphase einer Organisation. Und wie sieht es mit öffentlichen Finanzierungsmöglichkeiten aus? Das ist vor allem deshalb für Social Entrepreneurs schwierig, da die Unternehmen meist eine Art Mischung aus klassischem Startup und gemeinnütziger Organisation sind – viele Programme fördern momentan jedoch entweder das eine oder das andere. Eine mögliche Lösung wäre die Ausweitung dieser Programme speziell auf Gründungen im sozialen Sektor.

Um überhaupt eine Förderung zu bekommen, müssen oftmals genau vorgegebene Projekt- und Budgetpläne eingehalten und in Berichten nachgewiesen werden, die Gemeinkosten werden selten gefördert, die Wartezeiten bis zur Bewilligung und Auszahlung sind oft lang, es gibt zu wenig Beratung zur Organisationsentwicklung und die Förderung endet in der Regel nach maximal drei Jahren. Es ist uns daher wichtig diese Rahmenbedingungen für Unternehmen zu verbessern, die auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit setzen. Solide Unternehmensführung wird dabei natürlich genauso vorausgesetzt, wie bei Unternehmen, die ausschließlich auf Wachstum und Rendite setzen. Wir fordern schon länger, GründerInnen, die ein tragfähiges Konzept vorlegen, mit einem zinslosen Darlehen in Höhe von 25.000 Euro unter die Arme zu greifen. Gründungen im sozialen Bereich soll davon ein fester Teil zur Verfügung stehen. Es soll den Startups möglich sein, durch unbürokratische Kreditanträge, einem neuen Venture Capital Gesetz und der Stärkung von Crowdfunding, ihre Vorhaben zu finanzieren. Im Detail heißt das, dass GründerInnen in den ersten beiden Jahren ihrer Gründung nur dann melde- und berichtspflichtig sein sollten, wenn es unbedingt erforderlich ist. Behördentermine sollten vielmehr auch Gründungsberatungstermine sein, in denen dann auch gleich über mögliche Förderungen gesprochen werden kann. In diesem Zusammenhang ist auch eine Verbesserung im Bereich E-Government von Nöten, da dies (nicht nur) UnternehmerInnen viele Behörden(vor-)gänge abnehmen würde. Außerdem soll es steuerliche Vorteile für alle F&E-Ausgaben in kleinen und mittleren Unternehmen geben.

Ein Problem der Sozialunternehmen ist vor allem die Messbarkeit ihres gesellschaftlichen Mehrwerts. Viele Programme vergeben ihre Förderungen an Unternehmen, die entweder hohe Gewinne erwarten lassen oder nach dem Kriterium der Kostenersparnis. Daher sollten mehr Ressourcen zur Messung der Wirkung von Social Entrepreneurship zur Verfügung gestellt werden, um dies bei der Vergabe von Förderungen stärker berücksichtigen zu können. Dies sollte übrigens auch für Anschlussfinanzierungsmöglichkeiten gelten. In vielen Fällen ist es für die Unternehmer aufgrund ihrer Rechtsform oder weil sie durch Förderprogramme zu einer Fehlbedarfsfinanzierung und dadurch zur Abgabe ihrer Erträge gezwungen sind, schwer finanzielle Rücklagen aufzubauen. Für diese Fälle wäre eine gezielte Anschlussfinanzierung für erfolgreiche Unternehmungen von Nöten.

Wie auch bei anderen Unternehmensgründungen sind Social Entrepreneurs häufig auf preiswerte Büro- und Gewerberäume angewiesen. Wir fordern daher eine stärkere Förderung von Gründungszentren, Coworking-Spaces und Betahäusern, sowie von Kooperationen mit Hochschulen – nicht zuletzt auch deshalb, weil so die Vernetzung untereinander gefördert wird. Dies erhöht die Sichtbarkeit und schafft Akzeptanz für soziale Unternehmungen.

Apropos Hochschulen –  auch hier sollte das Thema in Beratung, Lehre und Forschung gestärkt werden, z. B. durch den Aufbau weiterer Lehrstühle zum Thema Social Entrepreneurship. Dabei sollte es aber nicht nur um die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem sozialen Unternehmen als solches und Aspekte der Wirtschaftlichkeit, des rechtlichen Rahmens und dergleichen gehen, es müssen auch Ausbildungsangebote für potentielle Führungskräfte und MitarbeiterInnen der neuen Unternehmen geschaffen werden. Um Interessierten Einblicke in die Arbeit von Sozialunternehmen zu geben zu können, könnte man verstärkt auf Social Sabbaticals oder auch die Öffnung für Teilnehmende vom FSJ. Außerdem sollte es bereits in den Schulen ein besseres Angebot an Berufsorientierungsmöglichkeiten geben und die Vernetzung von Schule, Wirtschaft und Wissenschaft muss verbessert werden. Ausgründungen aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie deren Kooperation mit sozialen Unternehmen müssen besser unterstützt werden.