Die Effizienzrevolution – Grüne Perspektiven auf Daten

Gastbeitrag für GRETA – dem Mitgliedermagazin der Münchner Grünen

Daten sind DER Rohstoff der Zukunft – zumindest wenn man verschiedenen Veröffentlichungen rund um den Themenkomplex Digitalisierung, Industrie 4.0, Big Data etc. Glauben schenken will. Nicht jedes Szenario der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft mag aus heutiger Sicht plausibel erscheinen, wahrscheinlich ist aber: Die Digitalisierung und die Rolle, die Daten spielen, werden unser Leben stärker umkrempeln, als wir uns das bis vor kurzem vorstellen konnten.

Auf politischer Ebene sind wir doppelt gefordert: Zum einen müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass (nicht personenbezogene) Daten sinnvoll genutzt werden können, zum anderen müssen wir – gerade mit Blick auf die Datensammelwut von NSA bis zu Internetgiganten wie Facebook und Google – das Recht auf informationelle Selbstbestimmung gewährleisten.

Effizienzrevolution durch Daten

Unsere grüne Vision von Digitalisierung: Daten können uns helfen, unsere Verkehrsströme, unser Energiesystem und die Industrieproduktion zu revolutionieren. In einer nicht allzu fernen Zukunft werden (elektrisch angetriebene) Fahrzeuge nicht mehr im Stau stehen, nicht mehr sinnlos bei der Parkplatzsuche durch Innenstädte kurven, sondern bringen uns autonom gesteuert– Stichwort Google Car – schnell und effizient von A nach B. Der Öffentliche Nahverkehr, Car Sharing und Leihrad bilden eine effiziente, vernetzte Mobilitätskette, die nur dank der Digitalisierung und einer datenbasierten Steuerung möglich wird.

Ebenso vernetzt ist die Zukunft der Energieversorgung: intelligente Stromzähler und Stromsysteme sorgen dafür, dass Stromverbraucher flexibel auf Angebot und Nachfrage reagieren. Beispiel Kühlschrank: einige Stunden Kühlbetrieb am Tag reichen bei modernen Geräten völlig aus, und gekühlt wird nur, wenn ausreichend günstiger Strom zur Verfügung steht. Meteorologische Daten, die in Zukunft dank neuer Satellitensysteme noch deutlich genauer werden dürften, kombiniert mit aktuellen Verbrauchsdaten und Nachfrageprognosen ermöglichen ein höchsteffizientes Energiesystem basierend auf erneuerbaren Energien. Daten spielen auch hier die zentrale Rolle. Ähnlich effizient lassen sich – auch mit Hilfe von aktuellen Wetterdaten und -prognosen – andere Systeme und Infrastrukturen steuern, von der Landwirtschaft bis zur Bewässerung städtischer Grünanlagen.

Und in der intelligenten Fabrik – Stichwort Industrie 4.0 – lassen sich Energie- und Materialverbrauch reduzieren. Auch dank Techniken wie dem 3D-Druck, die passgenaue Produktion von Industriegütern auch in kleiner Stückzahl und vor Ort ermöglichen. Ohne eine Vielzahl von Sensoren, die kontinuierlich Daten über den Produktionsprozess liefern, ist die intelligente Fabrik nicht denkbar.

Digitalisierung und die richtigen Daten ermöglichen eine Effizienzrevolution und können so einen Beitrag leisten, dass wir in Zukunft mit deutlich weniger Ressourcen unseren Wohlstand sichern können. Die (industrienahe) Global e-Sustainability Initiative rechnet damit, dass allein bis 2020 rund 9,1 Gigatonnen CO2 bzw. rund 16 Prozent der globalen Emissionen dank moderner Informations- und Kommunikationstechnologie eingespart werden könnten (GeSI SMARTer2020) .

Offene Daten – eine Frage von Demokratie und Transparenz

Daten sind nicht nur ein wichtiger Rohstoff für eine Effizienzrevolution, der Zugang zu Daten ist im 21. Jahrhundert vielleicht die zentrale Frage von Teilhabe, Transparenz und Demokratie. Das 2006 verabschiedete Informationsfreiheitsgesetz war bereits ein erster Schritt zu mehr Transparenz bei Daten. Das Gesetz schreibt das Recht auf Zugang zu Informationen gegenüber Behörden fest, auch wenn zahlreiche Ausnahmen bestehen. Der nächste, konsequente Schritt wäre eine Open Data-Verpflichtung für alle staatlichen Ebenen: Behörden und Verwaltungen sollten verpflichtet werden, amtliche Dokumente und andere Informationen nicht erst auf Anfrage, sondern automatisch zu veröffentlichen. Rohdaten in maschinenlesbarer, technikneutraler und lizenzfreier Form stünden dann möglichst zeitnah zur Verfügung.

Gerade kleine Unternehmen, nicht-kommerzielle Initiativen und Wissenschaftler*innen profitieren, wenn Daten zugänglich sind und nicht alle Daten bei den Internetgiganten – Google, Facebook, Amazon und Co. – monopolisiert sind. Open Data fördert den Wettbewerb in der Digitalwirtschaft und leistet einen Beitrag, dass die dominanten Wirtschaftsakteure des digitalen Zeitalters nicht noch mächtiger werden.

Recht auf informationelle Selbstbestimmung wahren

Das gesellschaftliche, wissenschaftliche, ökologische Potential durch Nutzung und Weiterverwertung von Daten ist enorm, die Gefahren dabei dürfen aber nicht kleingeredet werden. Nicht nur der NSA-Abhörskandal und die Geschäftspraktiken von Facebook, Google und Co erinnern an orwellsche Dystopien totaler Überwachung. Informationelle Selbstbestimmung ist ein – vom Bundesverfassungsgericht mehrfach bestätigtes – Grundrecht und kann nicht zur Disposition gestellt werden. Und die Segnungen des Datenzeitalters werden sich nur sinnvoll nutzen lassen, wenn mit Big Data und Internetzeitalter keine totale Überwachung aller Lebensbereiche entsteht.

Die Herausforderung, für die es keine einfache Antwort gibt: wie können wir gleichzeitig das Recht auf informationelle Selbstbestimmung effektiv durchsetzen und die Nutzung von Daten ermöglichen. Theoretisch ist die Grenze einfach zu ziehen: personenbezogene Daten müssen geschützt und sicher sein. Punkt! In der Praxis stellen sich spannende wie heikle Fragen: bei Verkehrs- und Bewegungsdaten zum Beispiel lassen sich sinnvolle Schlüsse für die Verkehrssteuerung ziehen, aber natürlich sind Bewegungsdaten von Menschen auch sensible Informationen über die Person. Entscheidend ist hier beispielsweise die Frage: Lassen sich die Bewegungsdaten ausreichend anonymisieren. Angesichts der rasanten technischen – und sozialen – Entwicklung im Bereich Digitalisierung und Datenverarbeitung müssen wir uns diesen Fragen stellen.

Der Artikel ist Anfang Juni als Beitrag für GRETA, dem Mitgliedermagazin der Münchner Grünen, erschienen.