Gastkommentar in DIE WELT: “Auch IT muss Öko sein” von Cem Özdemir und Dieter Janecek

Droht Deutschland die digitale Wende zu verschlafen? Auf den ersten Blick klingt dieses Szenario angesichts der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands übertrieben. Doch sollte der Niedergang der einst stolzen deutschen Elektronikindustrie mit Firmen wie Telefunken, Nordmende oder AEG durchaus eine Mahnung sein. Nichts ist in Stein gemeißelt, weder Wohlstand noch Technologieführerschaft. Doch wäre dann nicht nur der deutsche Wirtschaftsstandort mitsamt seiner Arbeitsplätze der Verlierer. Wir würden auch die große Chance vergeben, unsere Wirtschaft ökologisch zu modernisieren – denn dabei kann die Digitalisierung eine entscheidende Rolle spielen.

Wirtschaft, Technologien und Innovationen sind kein Selbstzweck. Sie dienen dem Gemeinwohl und sollen das Leben der Menschen verbessern. Die Verbesserung der Lebensumstände heute bedeutet nicht dasselbe wie im 19. Jahrhundert. Heute geht es auch darum, angesichts des Klimawandels und Raubbaus an unserer Natur die Erde als einen lebenswerten Ort auch für kommende Generationen zu bewahren. Schaffen wir das nicht, dann werden die Folgen für unsere Enkel und Urenkel unkalkulierbar – und kaum bezahlbar.

Die Digitalisierung hat das Potenzial, der entscheidende Katalysator zu sein, um Ökonomie und Ökologie zu versöhnen. Digitale Technologien können uns helfen, den Verbrauch an Energien und Ressourcen deutlich zu reduzieren, die Produktion von Gütern und Dienstleistungen effizienter zu machen. Mithilfe digitaler Anwendungen lassen sich die globalen CO2-Emissionen im Jahr 2020 um 9 Milliarden Tonnen beziehungsweise 16 Prozent reduziert, rechnet die Studie SMARTer 2020 der Global e-Sustainability Initiative vor.

Rund ein Viertel unseres Strombedarfs erzeugen wir bereits mit Sonne, Wind, Biomasse und Wasser. Wenn wir bald 50 und perspektivisch 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen wollen, dann muss unser Energiesystem parallel dazu intelligent werden: Digitale Technologien koordinieren Angebot und Nachfrage, intelligente Stromnetze und Gebäude reagieren in Sekundenschnelle auf Witterungsverhältnisse und Energieangebot. Die Digitalisierung revolutioniert auch unsere Mobilität. Smartphone und App vernetzen Bahn, Bus, Leihrad und Carsharing-Auto intelligent miteinander. Unter der Überschrift Industrie 4.0 revolutioniert die Digitalisierung der Fabrik die industrielle Produktion.

Doch um den digitalen Wandel zum Wohle des Planeten zu nutzen, braucht es eine Politik, die den gesellschaftlichen Konsens der Energiewende konsequent als Leitbild auch der digitalen Wende umsetzt. Fließen Effizienzgewinne in vermehrten Konsum, dann stimmt die Richtung nicht. In der Autobranche haben wir zum Teil in den letzten Jahren erlebt, dass die technischen Entwicklungen bei der Effizienz von Motoren zu guten Teilen in größere, schwere PKW flossen. Es wäre daher weit gefehlt die ökologische Herausforderung auf Technikgläubigkeit zu reduzieren. Mindestens genauso stark reden wir über einen sozialen und kulturellen Wandel.Was passiert, wenn die Maschinen “uns Arbeit wegnehmen”? Auch darf Politik das Unbehagen nicht ignorieren, das “Big Data” bei vielen auslöst, ebenso der unaufhörliche Drang zu Perfektionierung und Optimierung, der möglicherweise vor dem Mensch nicht Halt macht.

Doch gerade was den Klimaschutz und die Ressourcenwende angeht, wird es ohne bahnbrechende technologische Entwicklungen und Verbesserungen nicht gehen. Wir sollten die ökologischen Chancen der Digitalisierung daher beim Schopfe packen, diese fördern und nutzen. Und wir sollten dabei auf die Innovationskraft vieler junger Start-ups, klein- und mittelständischer Unternehmen bauen, für die die Verschmelzung von digital und analog schon längst Teil ihres täglichen Lebens sind.

Politik muss die richtigen Rahmenbedingungen setzen, damit Unternehmen die Chancen der Digitalisierung ergreifen und ihr eine ökologische Richtung geben. Mit der im Sommer letzten Jahres vorgelegten Digitalen Agenda bleibt die Bundesregierung weit hinter den gesetzten Erwartungen zurück. Breitbandausbauziele werden angekündigt, ohne für eine verlässliche Finanzierung zu sorgen. Fatal vernachlässigt die Bundesregierung Datenschutz und IT-Sicherheit – und damit das Vertrauen in die Sicherheit und Zuverlässigkeit von IT-Anwendungen. Dabei ist mangelndes Vertrauen in die IT-Sicherheit ein gravierendes Investitionshemmnis. Jeder Nutzer und jedes Unternehmen trägt auch persönlich Verantwortung für die Sicherheit seiner Daten – aber die Bundesregierung muss aufhören, in Brüssel auf die Bremse zu treten, wenn es um starkes europäisches Datenschutzrecht geht. Die europäische IT-Industrie hat seit Snowden einen Wettbewerbsvorteil, wenn Unternehmen ihre Datencenter jetzt hier ansiedeln und nicht mehr in den USA. Das bleibt aber nur so, wenn wir Datenschutz und Datensicherheit ernst nehmen.

Moderne Wirtschaftspolitik muss etablierte Unternehmen zum Umdenken ermutigen und gleichzeitig neue Innovatoren unterstützen. Deutschland besitzt durch seine vielfältige Unternehmensstruktur von Start-ups über Mittelstand bis hin zu Global Players ein einzigartiges Netzwerk, um die digitale Revolution zum Nutzen der Menschen und der Umwelt zu gestalten. Die Bundesregierung, allen voran die Bundeskanzlerin, müsste hier die Richtung vorgeben, das Ziel klar benennen. Die Digitale Agenda der Bundesregierung – sie sollte zugleich eine klare und verlässliche Agenda zur ökologischen Modernisierung unserer Wirtschaft und Gesellschaft sein.

Am 14. 04.2015 in DIE WELT erschienen