Jobwunder Digitalisierung – Blühende Landschaften in Neuland?

Anfang Dezember erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel, durch die Digitalisierung würden weit mehr neue Jobs entstehen als in der klassischen Wirtschaft wegfallen. Klingt gut. Nach blühenden Landschaften im “Neuland”. Aber wie belastbar ist diese These? Wenig bis gar nicht antwortet das Bundeswirtschaftsministerium auf meine schriftliche Anfrage und sieht im Gegensatz zu Merkel offensichtlich große Unsicherheiten bei der Prognose. Vorübergehend hält man im Gabriel-Ministerium sogar eine negative Job-Bilanz für denkbar. Wie sieht es also wirklich aus mit dem von Merkel ausgerufenen Jobwunder Digitalisierung?

Recht hat die Bundeskanzlerin, wenn sie die Chancen des Digitalen Wandels betont. Ein wenig mehr Zukunftsoptimismus schadet uns in der Debatte sicher nicht. Denn erstmal bedeutet der Einsatz neuer Technologien eine Erleichterung unseres Arbeitsalltags und die Möglichkeit, vorhandene Ressourcen deutlich effizienter einzusetzen. Der Sprung von der Agrar- in die Industriegesellschaft hat am Ende auch zu mehr Wohlstand für alle geführt. Doch exponentiell anwachsende Datenmengen und die zunehmende Plattformisierung der Wirtschaft sind dabei, einen Wandel anzufeuern, der diesmal schneller und umfassender sein könnte, als manch einer vielleicht wahr haben will. Die Rasanz, mit der ganze Berufsbilder verschwinden, ist m.E. atemberaubend: Im Einzelhandel z.B. ist dies bereits mehr als spürbar. Algorithmen treffen unseren Geschmack heute schon oftmals besser als die Verkäuferin im Laden, bei IKEA oder McDonald sind automatische Kassen Standard.

Den nächsten Schritt der Service-Automatisierung erprobt derzeit der US-Baumarktriesen Lowe’s (185.000 Beschäftigte, 1.300 Filialen): In einer Pilotfiliale in San José beantwortet ein Service-Roboter die Fragen von Kunden und zeigt ihnen, wo sie welches Produkt finden. Selbst bei geringen Lohnkosten ist es inzwischen für Unternehmen attraktiv, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Der taiwanesische Elektronikkonzern Foxconn kündigte an, 10.000 Roboter für die Smartphone-Produktion anzuschaffen. Mittelfristig will das Unternehmen seine gesamte Belegschaft von mehr als eine Million Menschen durch Robotik ersetzen.

Knapp die Hälfte der bestehenden Arbeitsplätze könnte durch Digitalisierung und Automatisierung in den nächsten 20 (!) Jahren verloren gehen, prognostiziert der angesehene Economist. Glaubt man Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, den Autoren des Bestsellers „The Second Machine Age“, dann sind Angestellte neben dem Segment Handel besonders bei Verwaltungs- und Bürodienstleistungen, Transport und Produktion betroffen.

Hierbei geht es eben nicht “nur” um Routineaufgaben und gering qualifizierte Arbeitnehmer. Die Unternehmensberatung McKinsey erwartet, dass sich bis 2025 weltweit 140 Millionen Jobs sogenannter Wissensarbeiter stark verändern werden und zumindest teilweise durch intelligente Technik ersetzt werden. Intelligente Programme übernehmen demnach weitgehend die Aufgaben von qualifizierten Spezialisten wie Statistiker, Steuerberater oder Übersetzer.

Einen Vorgeschmack für die nächste Rationalisierungswelle bietet das Bankgewerbe. Die HypoVereinsbank kündigte im Sommer 2014 an, 240 ihrer 580 Standorte zusammenzulegen oder zu schließen. Dabei hat sich das Filialnetz der deutschen Kreditinstitute in den letzten 20 Jahren schon halbiert. Begründung des CEO für die neue Schließungswelle: Im Jahr 2000 seien noch 70 Prozent der Kundenkontakte über Filialen gelaufen, 2010 noch 30 Prozent, für 2015 rechne er mit fünf Prozent. Das Bankgeschäft läuft inzwischen größtenteils online. Dabei steckt die eigentliche digitale Konkurrenz, Zahlungssysteme via Smartphone und Co. noch in den Kinderschuhen.

Beispiel Musikindustrie: Die CD ist tot, den Musikmarkt dominieren zukünftig Streaming-Dienste wie Spotify. Laut Recherche des Hessischen Rundfunks bleibt Künstlern für ein neues Album im Schnitt pro verkaufter CD 3,10 Euro und pro Download 2,42 Euro. Der Erlös pro Stream beträgt 0,02 Euro. Aktuell bietet Spotify sein Premiumpaket für 0,99 Euro an, monatlich. Ein Aktionspreis – und ein klares Zeichen, wie fundamental die Digitalisierung den Musikmarkt verändert.

Freilich; Mit der Digitalisierung entstehen gleichzeitig auch neue Arbeitsplätze. 100.000 waren es laut Branchenverband BITKOM in den letzten fünf Jahren. Insgesamt rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze sind direkt auf die Digitalisierung zurückzuführen.

Aber wie wird die Gesamtbilanz aussehen? Hierzu wagt das Wirtschaftsministerium auf meine konkrete Nachfrage keine Prognose. Und stellt fest, dass auch im Arbeitsministerium keine belastbaren Vorhersagen über die Effekte der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt vorliegen. Woher stammen also Merkels Zahlen? Bauchgefühl? Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie. Aber ein digitale Jobwunder als selbsterfüllende Prophezeiung? Fraglich!

Nein, es geht nicht darum, Merkels überraschendem Optimismus ein Schreckensbild einer Digitalisierung entgegenzusetzen, die Arbeitsplätze vernichtet. Digitalisierung führt nicht zwangsläufig in eine Arbeitswelt, in der wenige Menschen die Maschinen und Algorithmen kontrollieren und viele Menschen ihre Arbeitsanweisungen von Maschinen erhalten – oder komplett von ihnen ersetzt werden. Die Digitalisierung bietet enorme wirtschaftliche Chancen. Aber wir müssen die Herausforderungen klar benennen: Eine Herausforderung heißt Aus- und Weiterbildung, lebenslanges Lernen – fit bleiben oder werden in der digitalen Arbeitswelt. Dort sind neue, andere Kompetenzen gefragt.

Eine andere Frage wird sein, wie wir Arbeit in Zukunft verteilen – und wie viele Stunden wir arbeiten werden. Die klassische Vollzeitarbeit auf der Basis von 38 oder 40 Stunden ist ein Relikt des klassischen Industriezeitalters. Als Leitidee gehört sie abgeschafft, immer mehr Unternehmen gehen dazu über mit ihren MitarbeiterInnen Vertrauensarbeitszeit zu vereinbaren. Die Idee einer 32-Stunden-Woche für Eltern, wie sie Familienministerin Schwesig vorgebracht hat, weist in die richtige Richtung. In einer sich weiter in ihrer Produktivität verdichteten Arbeitswelt könnten die 32 Stunden bald zum neuen Vollzeitideal für alle werden, und das ohne Wohlfahrtseinbußen. Es wäre keine schlecht Nachricht, wenn die Digitalisierung am Ende uns allen mehr Zeit für Familie, Pflege, kulturelle und soziale Arbeit verschafft. Bis dahin ist freilich noch ein weiter Weg mit besonderen Herausforderungen für unsere Sozialsysteme und den Wandel der Unternehmenskulturen.

Mein Fazit: Digitalisierung ist disruptiv, sie stellt grundsätzliche Fragen an unsere Arbeitsgesellschaft. Politik ist gefordert die Digitalisierung mitzugestalten, nicht abzuwarten, ob sich ein Jobwunder einstellt.

Dieser Beitrag ist am 27. Januar auch in der Hufftington Post erschienen