Verspargelung? “Mehr Pragmatismus!” Gastbeitrag für Klimaretter.info

Eine Gesellschaft auf der Basis der Ökoenergien bedeutet eine umfassende Elektrifizierung der wesentlichen Lebensbereiche. Ohne neue Leitungen bräuchten wir mehr Kraftwerke und Speicher – also mehr Eingriffe. Statt über den Netzausbau zu lamentieren, sollten wir lieber über Design, Ausgleich und Beteiligungsformen reden.

Teil 4 der klimaretter.info-Debatte zur Ästhetik der Energiewende.

Im Januar habe ich den Braunkohletagebau in Garzweiler besucht. Quadratkilometer voller umgegrabener Landschaften, Geisterstädte, entvölkerte Gebiete mit massiven Eingriffen in die Natur – so oder so ähnlich muss es auf dem kargen Mond aussehen, dachte ich mir, als ich den Blick schweifen ließ. Das Post Carbon Institute aus Kalifornien hat auf einer beeindruckenden Website Bilder fossil verwüsteter und zerstörter Landschaften von Sibirien über Alberta bis Nigeria dokumentiert. Hier geht es um unwiderruflich zerstörte Naturlandschaften und den Verlust von Biodiversität infolge von Umweltschäden und Klimaerwärmung.

Die Alternative dazu ist die elektrifizierte Lebens- und Arbeitswelt auf der Basis erneuerbarer Energien. Auch sie gibt es nicht zum Nulltarif. Insbesondere der dezentrale Ausbau der Ökoenergien ist mit Eingriffen in die Kulturlandschaft verbunden. Wenn aber für einen Windpark ein paar Hektar Fichtenmonokultur versiegelt werden, ist das nach meinem Verständnis vergleichsweise erträglich. Denn um unseren Wohlstand auch zukünftig zu erhalten – das aber mit klimafreundlicher, dezentraler und unabhängiger Stromerzeugung –, brauchen wir Erneuerbare-Energie-Anlagen.

Umfassende Elektrifizierung

Insgesamt muss uns bewusst sein, dass eine Gesellschaft auf der Basis erneuerbarer Energien eine umfassende Elektrifizierung der wesentlichen Lebensbereiche bedeutet: Strom als Prozessenergie für Industrie und Haushalte, aber auch Wärme und Mobilität werden zunehmend stromgeführt sein in der bereits beginnenden Zukunft. Umfassende Elektrifizierung heißt nicht, dass wir verschwenderisch mit Strom umgehen dürfen: Energieeffizienz ist weiterhin ein zentraler Schlüssel für den Klimaschutz. Wenn wir aber sowohl im Wärme- also auch Verkehrsbereich postfossil werden wollen, werden wir vorrangig auf Strom aus erneuerbaren Energien zurückgreifen müssen.

In Dänemark wird heute schon mit überschüssigem Windstrom geheizt. Die vielfach gepriesene Idee von Power-to-Gas, also der Umwandlung von erneuerbarem Strom in Methan, sprich synthetisches Erdgas, bedarf eines weiteren Zubaus dezentraler Anlagen. Wenn wir die Flexibilisierungspotenziale von Biogas nutzen wollen, werden auch weiterhin gewisse Flächen hierfür beansprucht. Und ja, wir werden auch die eine oder andere zusätzliche Stromtrasse brauchen, um die gigantischen Zuwächse an erneuerbarem Strom, die wir für eine Vollversorgung hin zu 100 Prozent brauchen, mit der Nachfrage ausgleichen zu können. Ein Verzicht auf den Leitungsausbau würde nicht ein Weniger, sondern ein Mehr an Eingriffen bedeuten, da wir dann deutlich mehr Erzeugungs- oder Speicherkapazitäten errichten müssten.

Rückholbare Eingriffe

Eine Gesellschaft, die ihren Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor immer mehr mit erneuerbarem Strom bewerkstelligt, bedeutet eine Veränderung unserer Kulturlandschaft. Diese muss nicht so ökologisch (und sozial) unsensibel ablaufen wie die Flurbereinigung der 1970er Jahre. Die Eingriffe sind in weiten Teilen rückholbar: Eine postfossile dezentrale Energiestruktur ist nicht giftig für die Böden, sie zerstört das Klima nicht – ganz im Gegenteil. Wir verzichten auf Atomkraftwerke im Vorgarten und auf weitere Mengen an Atommüll und schaffen die Kohlemeiler in Reichweite unserer Wohngebiete ab.

Statt zu lamentieren sollten wir also lieber über Design, notwendigen Ausgleich und Beteiligungsformen reden. Über pragmatische Lösungen statt über regionalpatriotische Anti-Wind-Kampagnen. Nein, der Strom kommt eben nicht aus der Steckdose und das Automobil der Zukunft fährt nicht mit Wasser. Und nein, der Rest der Welt wird nicht darauf verzichten, danach zu streben, einen ähnlichen Standard an Lebensqualität zu erreichen wie wir. Wir sollten mit der Energiewende also vormachen, wie sich Wohlstand und Klimaschutz verträgt.

Statt unsinniger Umgehungsstraßen und Regionalflughäfen oder schlecht geplanter, flächenverschlingender Gewerbegebiete, wie sie in den letzten Jahrzehnten in großer Zahl vor unseren Haustüren gebaut wurden, sollten wir mit einer dezentralen Energiewende nachhaltig und postfossil unseren Lebensraum verändern. Das wird auch und gerade im Sinne des Naturschutzes sein.