Besser Stromleitungen als eine Renaissance der Atomkraft

Vergangenen Freitag hatte ich im Bundestag die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. von Hirschhausen, dem prominenten Kritiker des Leitungsausbaus (siehe Monitor-Bericht vom 20.02.), und seinem Team. In den Zielen haben wir viele Gemeinsamkeiten gefunden: Ausbau der Erneuerbaren Energien Richtung 100% sowie rascher Braunkohleausstieg. Seine Szenarien zur Eigenversorgung Bayerns ohne Leitungsausbau fand ich hingegen wenig überzeugend. Neben der zwangsläufigen Schaffung einer eigenen Sonderstromzone in Bayern mit höheren Strompreisen für eigene Kapazitätsmärkte mittels Gaskraftwerken müsste man nach seinem Szenario unter anderem auf ein österreichisches Ölkraftwerk sowie Pumpspeicher aus der Schweiz, also letztlich auf zwischengespeicherten Atomstrom, zurückgreifen.

In der Woche davor hatte ich mich übrigens mit Vertretern von Amprion, also der „Gegenseite“ zum Gespräch getroffen, also jenem Übertragungsnetzbetreiber, der gemeinsam mit 50Hertz die aktuell in Bayern diskutierte Gleichstrompassage Süd-Ost errichten will. Das soll ich auch transparent sein.

Ja zum Ausstieg aus der Braunkohle

Ich bin davon überzeugt, dass der Ausstieg aus der Braunkohle über politische Rahmenbedingungen erfolgen muss: über einen funktionierenden CO2-Emissionshandel und über strenge Anforderungen an die Wirkungsgrade von Kraftwerken. Der Nicht-Bau von Leitungen schafft für den Braunkohleausstieg keine Impulse, sondern erschwert mittelfristig den Austausch großer Mengen von Wind- und Photovoltaikstrom. Das Kohleproblem kann man nicht über das Stromnetz lösen, hier muss man andere Wege gehen. Das Etikett „Kohlestromleitung“ für die geplante Gleichstrompassage Südost aus dem Raum Halle in den Raum Augsburg ist daher nicht gerechtfertigt.

Egal, ob die Leitung kommt oder nicht, an der Menge des Kohlestroms, die erzeugt wird, ändert das nichts. Hierfür sind andere Bedingungen ausschlaggebend – vorrangig die Rentabilität der Kraftwerke, also das Verhältnis von Verkaufserlös für den erzeugten Strom und Betriebskosten. Bis 2023 erwartet die Bundesnetzagentur einen Rückgang der Kapazitäten aus Braunkohle um rund 5,8 GW, davon rund 400 MW im Netzgebiet von 50Hertz in Ostdeutschland. Derzeit sind Braunkohle-Kapazitäten von über 20 GW am Netz.

Leitungsausbau für die Energiewende

Welche Folgen hat es, wenn die Leitung nicht gebaut wird? Ostdeutschland verfügt derzeit über Erzeugungskapazitäten von rund 15 GW bei Wind und 9 GW bei der Photovoltaik, zukünftig kann der in diesen Anlagen erzeugte Strom nicht mehr vollständig abgeleitet werden. Denn die Erzeugungskapazitäten steigen weiter – allein Brandenburg plant bis 2030 einen Zubau von 4,5 auf 10,5 GW bei Windenergie. Der Umweg über Polen und Tschechien steht mittelfristig nicht mehr zur Verfügung. Schon jetzt belastet dieser Umweg die Netze in unseren östlichen Nachbarländern, aktuell plant die polnische Regierung – zur Stabilisierung der eigenen Netze und auch als Schutz der eigenen Stromwirtschaft vor billigem deutschen Importstrom – den Einbau sogenannter Phasenschieber, mit denen der Stromfluss aus Deutschland runtergeregelt oder gar abgedreht werden kann.

Derzeit bezieht Bayern noch rund die Hälfte seines Strombedarfs aus der Atomkraft. Die vier bayerischen Atomkraftwerke gehen zwischen 2015 und 2022 vom Netz – das ist gut und richtig, aus grüner Sicht hätten wir uns auch einen schnelleren Ausstieg gewünscht. Die Strommengen müssen dann aber ersetzt werden. Dazu müssen wir natürlich zunächst den Ausbau der Erneuerbaren in Bayern energisch vorantreiben. Der Bundesverband WindEnergie und der Bund Naturschutz halten bis 2020 die Erschließung von bis zu 2.000 Windenergiestandorten in Bayern für möglich. Windkraftanlagen könnten dann gut ein Zehntel des bayerischen Stromverbrauchs decken. Ein Ziel, das mit dem aktuellen Kurs der Staatsregierung sowieso illusorisch erscheint, denn mit den von Seehofer durchgesetzten Abstandsregeln für Windkraftanlagen lässt sich nur ein Bruchteil der möglichen Standorte erschließen.

Was sind die Alternativen?

Es bietet sich einfach an, wesentlich auf Windstrom aus Ostdeutschland zurückzugreifen -– und an sonnigen Tagen den überschüssigen Solarstrom aus Bayern in den Norden und Osten zu transportieren. Was sind die Alternativen? Der Bau zusätzlicher neuer, wirtschaftlich nicht rentabler Gaskraftwerke durch den Freistaat Bayern? Eher nein, da dies zu hohen Kosten führt. Schon träumen die ersten wieder von einer Renaissance der Atomkraft. CSU-Politiker wie der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie und ehemalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer schließen bereits längere AKW-Laufzeiten nicht aus. Das wäre dann der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg … Das kann es nun wirklich nicht sein! Ganz zu schweigen davon, dass die Bürgerinnen und Bürger dieses Szenario nicht zulassen würden. (Siehe dazu auch aktuelle Stunde im Bundestag am 19.03. – Rede Oliver Krischer)

Akzeptanz vor Ort möglich

Ausstieg aus der Braunkohle und damit die Reduktion von CO2 in der Stromerzeugung – dieses Ziel eint Prof. Hirschhausen und mich. Dieses Ziel ist aber nur über die politischen Rahmenbedingungen zu erreichen und kann nicht über das Netz erzwungen werden. Der Netzausbau ist hingegen die beste Lösung, um zusätzlichen Strom aus Erneuerbaren nach Bayern leiten zu können. Jetzt kommt es darauf an, den Netzausbau so zu gestalten, dass er auch von den Anwohnern akzeptiert werden kann – Stichwort frühzeitige Beteiligung bei den Planungen zur Trassenführung. Auch eine teilweise Erdverkabelung, an Stellen wo sie begründet ist, ist aus grüner Sicht eine Option. Aber auch Strommasten müssen nicht hässlich sein – hierfür gibt es bereits gelungene Beispiele von Teams aus Architekten und Designern, die Entwürfe für neuartige Trassengestaltung entwerfen.